Bürgerkriegsopfer in Burma

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koratwerner (†2012)
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Bürgerkriegsopfer in Burma

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Mo Dez 14, 2009 5:21 am

Ein Plastikauge für Naing Htoo

Aus Burma berichtet Till Mayer

60 Jahre Bürgerkrieg, und noch immer liefern sich rivalisierende Milizen Gefechte im Dschungel von Burma. Die Opfer des Konflikts sind auf sich gestellt. Unterstützung kommt allein von deutschen Ärzten der Organisation "Freunde für Asien", die ehrenamtlich helfen und heilen.

Koukou - Drei Mal Tiger. Der Milizionär kann sein Glück kaum fassen. Um ihn herum ein anerkennendes Raunen. Er pfeift leicht durch die Zähne, als er seinen Gewinn einstreicht. 30 Baht bei einem Einsatz von nur zehn. Was für eine Nacht! Die beiden jungen Glücksfeen der Würfelbuden lächeln ihm vielsagend zu: "Spiel weiter Soldat! Der Tiger bringt dir Glück. Oder probier es doch mit der Kobra."

Pfauen, schwarze Elefanten und grüne Schlangen leuchten auf den großen Holzwürfeln, die im halbminütigen Takt eine kleine Holzwand herunterpoltern. Schon so oft, dass die Würfelecken rund geworden sind und die Tiere auf dem Holz zu verblassen beginnen.

Auf dem Marktplatz von Koukou drängen sich die windschiefen Glücksbuden dicht aneinander. Auf bunten Hockern sitzen die Spieler. Dahinter recken jene ihre Köpfe, die sich nicht einmal Cent-Beträge für ein Spiel leisten können. Nicht wenige der Glücksritter tragen die Tarnanzüge der DKBA, der Democratic Karen Buddhist Army.

Koukou, ein Nest mit staubigen Straßen und einem Tempel in der Mitte, ist Garnisonstadt. Aus zerbeulten Lautsprechern tönen stundenlang Lesungen der Mönche. Tagsüber schleppen Mönche und Tagelöhner Backsteine für eine neue Stupa.

Keine 500 Meter vom farbenprächtigen Tempel entfernt rollt heute der Würfel besonders oft. Eine Kompanie ist von der Front zurückgekehrt, die Kämpfer haben ihren schmalen Sold in der Tasche.

Seit 1948 tobt in dem Karen-Gebiet ein blutiger Konflikt

Koukou liegt nur einen Steinwurf vom Grenzfluss nach Thailand entfernt und trotzdem in einer anderen Welt. Einer, in der seit 1948 ein blutiger Konflikt seine Opfer fordert. Eine Welt, in der man auf eine gewisse Zukunft genauso sicher setzen kann, wie auf die bunten Tiere und Fabelwesen der Holzwürfel.

Naing Htoo hatte kein Glück im Leben. Mit einem Kameraden hetzte er durch ein Minenfeld. Seinem Kameraden riss es beide Beine ab, Naing Htoo verlor durch die gleiche Mine die linke Hand und Teile des Unterarms. Die Splitter verkrüppelten seine rechte Hand und hämmerten sich in sein Gesicht. Dabei blieben die Augen nicht verschont.

Jetzt sitzt er aufrecht auf der Holzpritsche. Stundenlang, mit steifem Rücken, und lauscht angestrengt in seine eigene Dunkelheit. Naing Htoo ist gerade 17 Jahre alt. Der junge Mann war stolz, als er vor wenigen Monaten zum ersten Mal die Uniform tragen durfte. "Ich wollte immer Soldat sein. Schon als Kind. Stark sein und für mein Volk kämpfen", sagt er leise. Der Teenager spricht nicht viel. Gestern war seine Schwester mit ihrem kleinen Kind zu Besuch da. Als Naing Htoo mit dem Kleinen spielte, lächelte er zum ersten Mal seit zwei Monaten. Die Freude, die über sein Gesicht huschte, war aber nur flüchtig.

Vor zwei Monaten rückte er zu seinem ersten Kampfeinsatz in den Dschungel aus. Es war zugleich sein letzter. Vergraben hatten die Sprengsätze Kämpfer, die noch vor Jahren Waffenbrüder waren. Bis sich die buddhistischen Karen von der christlich dominierten Karen National Liberation Army und ihrem politischen Arm, der Karen National Union (KNU), lossagten. Als DKBA kämpfen sie seit 1994 als autonome Miliz an der Seite der Regierungstruppen, dem ehemaligen Feind. Die KNLA, die einst große Teile des Karen-Gebiets unter ihrer Kontrolle hatte, wird seit Jahren mehr und mehr in den Dschungel zurückgedrängt.

Lieber Soldat als Bauer

Über Politik hat sich Naing Htoo selten Gedanken gemacht. In der DKBA zu kämpfen gilt als Ehre, sagt er. Was wäre die Alternative gewesen? Ein wehrloser und armer Bauer zu sein, so wie sein Vater?

Seit der Explosion lebt der Teenager in völliger Dunkelheit. Auf thailändischer Seite wurde ihm der Unterarm amputiert. Ein Auge durch ein Stück Plastik ersetzt. Dann kam der Rücktransport in das Militärhospital von Koukou. Jetzt lebt er in dem großen Patientensaal und versucht langsam zu verstehen, was mit seinem Leben geschehen ist.

"Das andere Auge hätte man retten können", sagt Wolfgang Hasselkus, als er den 17-Jährigen untersucht. Mit den richtigen Augentropfen, der richtigen Medikation, einer entsprechenden Operation. Naing Htoo hätte wahrscheinlich ein anderes, ein besseres Leben führen können.

Der 65-jährige Arzt aus dem oberfränkischen Rödental versucht, seine Enttäuschung zu unterdrücken: "Schon schlimm genug, dass der Junge seinen halben Arm verloren hat. Jetzt wird er sein ganzes Leben lang nicht mehr sehen können. Hätte ich ihn nur schon vor Wochen behandeln können."

Hasselkus ist Vorsitzender des Vereins "Freunde für Asien". Seit über 20 Jahren ist er im Karen-Gebiet von Burma aktiv, kommt mehrmals im Jahr in das Konfliktgebiet. Er hat mobile Kliniken aufgebaut, die abtransportiert werden können, wenn sich der Frontverlauf verändert.

wps
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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KoratCat
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Re: Bürgerkriegsopfer in Burma

Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mo Dez 14, 2009 9:02 am

2. Teil: Wie Dr. Hasselkus und sein Team improvisieren

Mit den Karen-Aufständischen marschierte er dabei oft in tagelangen Gewaltmärschen durch den Dschungel. Manchmal ging es auf der Flucht vor den burmesischen Truppen quer durch die Minenfelder der Guerilla.

Mittlerweile, nachdem ein Teil der bewaffneten Karen ein Bündnis mit der Armee eingegangen ist, arbeiten Dr. Hasselkus und sein Team auf beiden Seiten. Neutralität ist für "Freunde für Asien" überlebenswichtig. Doch ein Einsatz mit seiner Organisation bleibt gefährlich. Bei einer Tagesreise zu einer Gesundheitsstation in den nahen Dschungel geht es nicht ohne bewaffnete Eskorte. Im Pick-Up holpert das Team über Pisten durch gerodeten Wald bis tief in das grüne Dickicht. Dort hat schon wieder eine andere verbündete Miliz das Sagen: die Peace Council Group, eine KNLA-Abspaltung

Das Militärhospital von Koukou steht jedem kostenlos zur Verfügung. So verkündet es schon die Parole am mächtigen Eingangstor, vor dem ein Milizionär mit seiner betagten M16 gelangweilt Wache schiebt.

Offen für alle: Ein Grund, warum sich Hasselkus hier engagiert. Der andere: Im gesamten Hospital gibt es keinen einzigen ausgebildeten Arzt und nur sehr dürftige medizinische Ausrüstung. Dafür um so mehr Patienten. "Unsere Arbeit besteht aus zwei Komponenten. Erstens helfen wir natürlich als Mediziner den Patienten. Ich nehme Augenoperationen vor, zudem haben wir gerade einen Chirurgen, einen Zahnarzt, einen Physiotherapeuten und eine Frauenärztin vor Ort. Dabei schulen wir aber auch intensiv das lokale Personal. Bauen seit Jahren einfache, aber durchaus wirksame Strukturen auf", sagt Hasselkus. Dass er und sein Team dabei kein Medizinstudium ersetzen können und keine Pflegerausbildung, ist dem 65-Jährigen bewusst. "In einer Region, in der ein über 60 Jahre währender Konflikt wütet, gelten aber einfach andere Maßstäbe. Auf die müssen wir uns einstellen", sagt der deutsche Arzt.

Medizinische Ausbildung à la Koukou

"Wir konnten bisher viel erreichen. Nicht zuletzt, weil unsere Partner absolut wissbegierig sind." Und so malt Hasselkus bei seinen Ausbildungskursen mit bunten Stiften die inneren Organe auf Bäuche der Teilnehmer. Schärft ein, wie OP-Instrumente richtig zu sterilisieren sind.

Am nächsten Tag folgt der Theorie die Praxis im OP-Saal. Allgemeinmediziner Hasselkus operiert einen grauen Star. "Das Handwerkszeug dazu habe ich mir in Kursen in Malawi angeeignet", sagt der 65-Jährige. Über die Jahre wagte er sich auch an immer kompliziertere Operationen. Bei den Karen hat sich der deutsche Doktor einen beinahe legendären Ruf erworben. Der Wartesaal platzt aus allen Nähten.

Manche haben tagelange Fußmärsche auf sich genommen, um operiert zu werden. So wie die 65-Jährige, die sich kurz mit Lily vorstellt. Ihre Nichte hat das alte Mütterchen auf ihrem langen Weg begleitet. Sie sieht aus wie 80, wie eine Greisin. Ein Leben voll harter Arbeit auf dem Feld hat ihren Rücken gebeugt. Hasselkus erklärt seine Diagnose dem Dolmetscher, der übersetzt für Lily und das lokale Personal. Noch am gleichen Tag wird die alte Dame operiert. "Sie wird besser sehen können", sagt der Arzt. Am nächsten Tag warten schon die ersten Patienten mit verbundenen Augen darauf, bald wieder ein Stück mehr von ihrer Umwelt zu erkennen.

"Dass ich mittlerweile selbst Augenoperationen vornehmen kann, habe ich nur Dr. Hasselkus zu verdanken", sagt die Krankenhauschefin Nao Baw Baw. Die 50-Jährige ist zweifache Kriegerwitwe und hat den Rang eines Hauptmanns inne. Zumindest kann die Chefin des Miliz-Hospitals auf eine thailändische Schwesternausbildung im zivilen Leben verweisen.

Die Deutschen zahlen alles aus eigener Tasche

Dass die Behandlungen kostenlos sind, ist für das Team von "Freunde für Asien" eine Grundvoraussetzung für ihre Arbeit. Ihre Flugtickets zahlen die deutschen Helfer aus eigener Tasche. Für Material und Geräte sind sie in der Heimat ständig auf Spendenakquise.

Meistens haben sie auch einen großen Sack voller Brillen für Koukou mit dabei. Passen die Stärken nicht, werden in der Werkstatt des Krankenhauses günstige Kunststoffgläser aus chinesischer Produktion eingefügt.

Das der grobe Zuschnitt ausgerechnet mit einer mächtigen Heckenschere erfolgt, daran haben sich die Helfer von "Freunde für Asien" gewöhnt. "Hauptsache, die Gläser passen dann ins Gestell", sagt Jochen Dickmann. Der 72-Jährige hat die Optikerwerkstatt mit aufgebaut. "Sie läuft jetzt schon seit Jahren erfolgreich", sagt er.

Dickmann muss seine Stimme ein wenig erheben. Von den nahen Baracken der Miliz tönt es mit gewaltigem Blechgebläse scheppernd ins Krankenhaus hinüber. Die nächsten drei Stunden wird "Nehmt Abschied, Brüder" gnadenlos schräg und im straffen Marschtakt von der DKBA-Kapelle intoniert. Der Marsch hallt durch die langgezogenen Schlafsäle und den weißgekachelten OP-Raum.

Naing Htoo, das Minenopfer, bewegt seine zwei Beinstumpen im Takt auf und ab. Was für ein Witz - er lacht traurig. Dann lauscht er wieder in seine eigene Dunkelheit hinein.

Quelle: Spiegel online


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