Beerdigung im Isaan

Für alles, was mit Glauben (Buddhismus, Hinduismus, Islam, Judentum, Christentum und/oder der Geisterwelt (Animismus etc.) zu tun hat, z. B. Weltanschauungen, Sitten und Gebräuche, die auf Glaubensrichtungen beruhen; um dem Einen oder Anderen zu helfen, diese als respektgebietend zu erkennen und eben nicht ins Fettnäpfchen zu treten.
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koratwerner (†2012)
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Beerdigung im Isaan

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Do Aug 21, 2008 3:04 pm

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Eine Beerdigung im Isaan, dort wo beinahe alle Menschen buddhistisch sind, ist gleichbedeutend mit einer Kremation, bzw. Verbrennung. Das Hinscheiden eines Menschen, wenn auch aus traurigem Anlass, löst im Isaan immer eine Reihe von Feierlichkeiten aus, unter denen die Verbrennung als eine der wichtigsten Handlungen anzusehen ist. Früher wurde der Leichnam oft offen verbrannt, doch heute verfügt beinahe jeder Wat über ein Krematorium, in dem der Tote feierlich dem Feuer übergeben wird.

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Wir sind heute zu Besuch bei Lutz und Bua in Ban Ka, einem kleinen Dorf, mitten in den Reisfeldern des Isaan. Beide sind schwarz gekleidet, denn sie wollen gleich an einer Beerdigung teilnehmen. Für Lutz ist es selbstverständlich, dass wir ihn und seine Familie begleitete.

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Nein, du bist gerne gesehen, zerstreut er meine Bedenken als Wildfremder bei der Verbrennung des Verstorbenen dabei zu sein. Die Witwe freut sich bestimmt, denn wenn sogar zwei Farang und ihre Frauen bei der Feier anwesend sind, dann hebt das das Sozialprestige der Familie ganz gewaltig. Also tragen wir dazu bei das Ansehen der Witwe in dem kleinen Dorf zu steigern.

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Etwa fünf Minuten fahren wir bis zu dem etwas abseits liegen Wat, wo sich schon eine große Menschenmenge eingefunden hat. Die Trauergäste stehen oder sitzen in Gruppen zusammen, unterhalten sich, oder lauschen der Trauermusik, die über einige Lautsprecher über das Gelände klingt. Dem Anlass gerecht, sind das schwermütige Klänge alter Weisen aus dem Isaan, die von einer Kapelle auf traditionellen Musikinstrumenten gespielt werden.

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Opet, der heute eingeäschert wird, ist 90 Jahre alt geworden, raunt mir Lutz zu. Er war früher Offizier bei der Armee und durfte sogar nach der Pension seinen Revolver behalten. Vor einem Jahr ist er noch damit wild fuchtelnd durchs Dorf gelaufen und hat seine dritte Frau gesucht, die mitsamt seinen Bankbüchern spurlos verschwunden war. Hat sich aber aufgeklärt, die Sache. Sie hat die Bankunterlagen nur ihren Freundinnen gezeigt, die nicht glauben wollte, dass Opet tatsächlich mehre Millionen Baht auf der Bank hat.

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Hinter dem Wat knallt es jetzt fürchterlich, Rauch steigt auf und die Menschen halten in ihren Gesprächen erschrocken inne. Die Geister werden verscheucht, erklärt mir Lutz. Das gibt es nicht bei jeder Einäscherung, meint er weiter. Doch die Witwe hat ja nun Geld und kann eine würdige Feier leicht bezahlen.

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Dann führt mich Lutz zu der offenen Halle, in der, fast hinter den dort sitzenden Trauergästen und den auf dem Boden hockenden Musikern kaum sichtbar, bald an die fünfzig Mönche auf einer niedrigen Empore hocken. Ich bin erstaunt, dass hier in dem kleinen Wat soviel Mönche sind. Nein nein, flüstert mir Lutz zu, hier sind derzeit nur drei Mönche, die anderen sind alle aus den umliegenden Dörfern hier her gekommen, weil Opet zu Lebzeiten ihrem Wat einiges an Geld gespendet hat und jetzt spendet seine Witwe auch wieder.

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Während dessen Lutz mich aufklärt, die Musiker spielen und die Mönche erheben sich und begeben sich gemessenen Schrittes zu dem Krematorium, wo der Tote in einem prächtig geschmückten Sarg liegt.

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Zuerst die Mönche, dann alle anderen Trauergäste erweisen dem Verstorbenen die letzte Ehre, indem sie sich mit einem Wai von ihm verabschieden.

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Dann legen die Trauergäste vor dem Sarg eine weiße Papierblume in eine Schale,

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drehen sich um und verneigen sich noch einmal vor einem aufgestellten Bild des Toten Mannes.

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Die Mönche und einige der anderen Trauergäste verlassen dann den Wat, andere schauen jedoch zu, wie beim erneuten Abbrennen von Böllerschüssen der Sarg langsam um 90 Grad gedreht und in die Verbrennungskammer geschoben wird.

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Auch wir entfernen uns und ich hoffe, dass unter meinen, beim gleißenden Sonnenlicht gemachten Fotos, einige brauchbar sein werden.

Das Ritual einer Beisetzung in Thailand kann von Ort zu Ort unterschiedlich sein. Deshalb erzählt mir Lutz später, nach welchem Ritual eine Beisetzung in seinem Dorf im Isaan erfolgt.

Bis noch vor zwei Jahren, als der Wat noch nicht über ein Krematorium verfügte, wurden die Verstorbenen offen verbrannt. Dazu wurden zwischen zwei, etwa drei Meter langen Mauern, die im Abstand von etwa einem Meter nebeneinander standen, mehre trockene Bambusstangen gelegt, auf die der Sarg mit dem Leichnam abgestellt wurde. Fehlte den Familien das Geld für einen Sarg, dann wurde der Leichnam nur in Tücher gehüllt und auf den Bambusstangen aufgebahrt.

Zwischen den Mauern wurde vorher leicht brennbares Holz geschichtet, so dass der Leichnam dann eingeäschert werden konnte. War manchmal richtig makaber, meint Lutz. Wenn dann der Körper in die Glut stürzte und die Knochen platzen…….. ! Gut, die Sache ist jetzt vorbei.

Üblicherweise findet in Ban Ka die Verbrennung drei Tage nach dem Tod statt. Doch vorher gibt es jeden Abend eine Totenfeier. Dazu wird der Leichnam entweder in den Wat des Dorfes gebracht, oder er wird im Haus aufgebahrt.

Diese Feiern dauern jeweils etwa zwei Stunden, wobei die immer anwesenden Mönche in Abständen vier Gebete sprechen und eine rituelle Ansprache gehalten wird. Oft wird diese Zeremonie auch über Lautsprecher nach draußen übertragen und dann kann das ganze Dorf zuhören.

Da bei dieser Feier nicht nur die Mönche, sondern alle Anwesenden beköstigt werden, werden die Kosten jeden Tag von einer anderen Gruppe übernommen. Am ersten Tag wird die Feier von der Familie ausgerichtet. Am zweiten Tag ist es meistens die Verwandtschaft, die die Kosten übernimmt. Soweit noch eine weitere Totenfeier stattfindet, übernehmen meistens die Nachbarn die Kosten.

Manchmal erfolgt die Verbrennung auch erst sieben Tage nach dem Tod. Dann haben auch noch weitere Gastgeber die Gelegenheit eine Feier für den Toten auszurichten. Das kann der frühere Arbeitgeber sein, aber auch Freunde und Bekannte können solch eine Feier ausrichten.

Bevor der Leichnam am Verbrennungstag eingesargt wird, gießen die Hinterbliebenen und die Trauergäste dem Toten langsam im dünnen Rinnsal sauberes Wasser über die rechte Hand. Damit werden die bösen Gedanken und Taten zwischen dem Verstorbenen und den Lebenden abgewaschen.

Das Wasser wird aufbewahrt, von den Mönchen gesegnet und dann unter einem Baum gegossen. Die bei diesem Ritual gehegten guten Gedanken und Wünsche werden so der Erde übergeben, wo die Göttin der Erde diese Wünsche jetzt für die Seele des Verstorbenen bereithält.

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Am Tag der Verbrennung werden die Mönche zum Mittagessen eingeladen und danach leitet der ranghöchste Mönch die feierliche Zeremonie zur Verbrennung. Dann wird der Sarg dreimal um das Krematorium getragen wobei er von einem Mönch und den Familienangehörigen begleitet wird.

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Anschließend wird der Sarg im Krematorium außerhalb der Verbrennungskammer gestellt. Da ich den weiteren Verlauf der Zeremonie gesehen und bereits eingangs beschrieben habe habe, verzichte ich hier auf eine erneute Schilderung.

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Nach dem Verbrennen verwahren die Angehörigen in Ban Ka die Asche meistens zu Hause auf. Nur sehr wenige können es sich leisten, die Überreste in einer teueren Säule aufzubewahren, die an der Tempelmauer aufgestellt wird.

Manchmal wird auch am Abend nach der Verbrennung eine Party mit Musik, Tanz und Alkohol gefeiert. Die Buddhisten sehen halt den Tod eines Menschen etwas anders als wir, denn sie glauben fest daran, dass ein Leben nur die Zwischenstation vieler Leben ist. Diese Feier ist dann der freudige Ausdruck darüber, dass der Verstorbene eine Phase in einer langen Kette von Leben überwunden hat und seine Wiedergeburt bevorsteht.

Nach 100 Tagen findet dann im Wat wieder eine Zeremonie zum Andenken an den Verstorbenen statt und nach Ablauf eines Jahres dann noch einmal.

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Oft lassen sich in Ban Ka auch nach der Verbrennung junge Männer aus der Familie die Haare schneiden, um für einige Wochen oder Monate ins Kloster zu gehen.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

schiene
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Re: Beerdigung im Isaan

Ungelesener Beitragvon schiene » Mi Jul 22, 2009 3:24 am

Hier ein Link zu einem Videoclip vom mir welcher einen Trauerumzug im Dorf meiner Frau zeigt.


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Detlef (†2020)
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Re: Beerdigung im Isaan

Ungelesener Beitragvon Detlef (†2020) » Mi Jul 22, 2009 2:55 pm

Zu diesem Thema noch was Makaberes am Rande:

Als mein Schwiegervater verstarb, wurde der "amtliche" Tod durch einen Griff an die Hoden des Leichnams -durch die Witwe und ihrer Schwägerin- festgestellt. Angeblich würden sich die Hoden bei einem Verstorbenen gänzlich zurückziehen. :?:

Nach der Einäscherung haben die Enkel des Verstorbenen eifrig in der Asche nach verbliebenen Zähnen gesucht (er hatte nur noch 2). Diese werden nunmehr als Kleinod sorgfältig aufbewahrt.

Abgesehen von der Trauerfeier im/am Hause, welche ich als Inferno empfand, fand ich diese Begebenheiten doch sehr bemerkenswert.
...selbst ist der Mann! (wenn man ihn lässt und wenn er kann)


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