Kharma

Für alles, was mit Glauben (Buddhismus, Hinduismus, Islam, Judentum, Christentum und/oder der Geisterwelt (Animismus etc.) zu tun hat, z. B. Weltanschauungen, Sitten und Gebräuche, die auf Glaubensrichtungen beruhen; um dem Einen oder Anderen zu helfen, diese als respektgebietend zu erkennen und eben nicht ins Fettnäpfchen zu treten.
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koratwerner (†2012)
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Kharma

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Mo Aug 04, 2008 2:16 pm

Gutes tun für das nächste Dasein


Jeder hat sicher schon einmal die Formulierung gehört, dass der eine oder andere Mensch ein gutes oder schlechtes Kharma, auch Khamma genannt, besitzt.

Nach buddhistischer Vorstellung ist das derzeitige Leben lediglich eine Etappe in der Folge aller Leben, an deren Ende das Nirwana, auch Nibbana genannt, die vollkommene Glückseeligkeit steht. Um das Nirwana zu erreichen nutzen die gläubigen Menschen im Isaan jede Gelegenheit zum Tam Buun, das heißt, gutes zu tun. Man kann zum Beispiel den Mönchen Reis in ihre Schalen legen, einem gefangenen Vogel seine Freiheit wieder geben, eine wild lebende Katze füttern oder beim Besuch eines Wat etwas Geld spenden. Da alles was einem im jetzigen Leben widerfährt, die Folge dessen ist, wie man in seinem Vorleben gelebt und gehandelt hat, also was man an Gutem oder Schlechten getan hat, das hat positive oder negative Auswirkungen im nächsten Leben.

Dieser Glaube ist auch ein Grund dafür, warum die Menschen auch ein hartes Schicksal klaglos ertragen. Einerseits macht dieser Glaube das Leben erträglich, andererseits verleitet er aber auch die reicheren Menschen dazu den ärmeren Menschen wenig zu helfen, denn die sind ja an ihrer miserablen Situation selber Schuld, weil sie in ihrem Vorleben zu wenig Tam Buun, zu wenig Gutes getan haben und deshalb ein entsprechendes Kharma haben.

In diesen Tagen habe ich erlebt, dass diese Vorstellung und die daraus resultierenden Lebensweisen im gläubigen Isaan durchaus zutreffend sind. Wie auch bei anderen ähnlichen Begebenheiten habe ich mein Erlebnis nicht gesucht, sondern bin zufällig hineingeschliddert.

Jay Memm, die ältere Freundin meiner Exfrau wollte wieder einmal zu einem Fest, dass im Kreis ihrer Familie stattfinden sollte. Da die Anfahrt zu dem kleinen Dorf jenseits von Korat sehr umständlich ist, bittet mich meine damalige Frau Ket, Jay dort hin zu bringen, denn es sei für Jay sehr wichtig und sie müsste unbedingt dabei sein. Dort ist nämlich am Samstag eine große Feier, sagt sie und da am Abend Musik und eine große Tanzvorführung, sowie Singe Song sei, möchte sie auch gerne dabei sein und über Nacht bleiben. Die Leute würden sich freuen und sie könnte bei Jay Memms Tochter schlafen. Da ich am Abend etwas mit einem Freund zu besprechen hatte, kam mir ihr Ansinnen ganz recht, denn wenn Ket nicht mit dabei ist, kann sie nicht immer vorwurfsvoll auf die Uhr schauen, weil es ihr langweilig ist.

Am Nachmittag bringe ich die beiden Frauen also in das kleine Dörfchen und da es noch recht früh ist, habe ich noch Zeit, um mir das Treiben an Ort und Stelle etwas anzusehen. Meine Wagen stelle ich am Haus von Jay Memms Tochter ab und wir begeben uns etwa 100 Meter Weiter an den Ort des Geschehens.

Da wohnt die verwitwete Treechada, Jay Memms Schwester mit ihrem 23 jährigen Sohn Nong, der der Gastgeber der Party ist. Auf dem hinteren Teil des großen Grundstücks ist eine etwa 20 Meter breite Bühne errichtet, deren Bühnenbild vermutlich einige Darstellungen aus der thailändischen Mythologie zeigt. Lautsprecher und Mikrofone stehen dort und einige junge Männer sind dabei eine aufwendige Beleuchtungsanlage zu installieren. Unter zwei großen Zelten zähle ich an die Einhundert Tische mit jeweils 5 oder 6 Stühlen. In zwei großen Küchen dampfen riesige Töpfe, in denen mit Sicherheit schön scharfe Thaispezialitäten vorbereitet werden, die bei Einbruch der Dunkelheit auf die Tische kommen sollen.

Einige jüngere Frauen eilen geschäftig hin und her, stellen Getränkeflaschen und Gläser auf die Tische und verteilen emaillierte Blechteller sowie die landestypischen Blechlöffel. Messer und Gabel sind hier nicht erforderlich, denn das Essen wird hier wahrscheinlich schon mundgerecht serviert. Wir haben kaum an einem der Tische Platz genommen als uns auch schon einige dampfende Schüsselchen mit Spezialitäten gereicht werden. Wie ich es mir schon gedacht habe, alles ist typisch Isaan mit viel Chili gewürzt, also für mich nicht genießbar.

Irgendwann schaut der junge Gastgeber Nong kurz vorbei und begrüßt seine Verwandtschaft, dann muss er wieder zur Bühne um weitere Vorbereitungen zu treffen. Er bezahlt alles, sagt Ket zu mir. Als ich sie frage, woher er denn das viele Geld hat, klärt sie mich auf. Nong hat von seinem verstorbenen Vater mehrere Grundstücke geerbt, von denen er einige an den Staat verkauft hat, der dieses Land für den Bau einer Straße benötigt. Dafür hat er etwas über 2 Mio. Baht bekommen.

Davon richtet Nong für die Dorfbewohner diese Party. Das ist Tam bun und bringt nach Isaan Vorstellung Pluspunkte für sein nächstes Leben. Seine Gäste zahlen aber auch etwas dazu. Jeder gibt ihm so viel, wie erübrigt werden kann, oder was ihm die Teilnahme an dieser Fete wert ist. So wird ihm das nicht ganz so teuer.

Es ist jetzt die Thot Krathin Zeit, erläutert Ket weiter. Während dieser Zeit stiftet die Bevölkerung den Mönchen außer neuen Gewändern auch Geld für den Unterhalt oder den Ausbau des Wat. Nong hat Geld und deshalb stiftet er dem Wat 1 Mio. Baht. Der Abt freut sich natürlich über diese großzügige Spende und ehrt ihn, seine Familie und die Party mit seiner Anwesenheit.

Das ist Thailand, sagt Ket zu mir. Ja, das ist Thailand. Nong spendet dem Tempel diese großzügige Summe in der festen Überzeugung, dass sein Tam Buun viel dazu beiträgt, dass es ihm dereinst in seinem nächsten Leben besser geht, als in seinem jetzigen. Außerdem steigt mit dem Bezahlen der Party und seiner Spende an das Kloster sein sozialer Status und seine Familie und das ganze Dorf freut sich, solch einen guten Menschen in ihrer Gemeinschaft zu haben.

Tam Buun zu tun ist nicht immer eine so finanziell aufwendige Sache. Meine jetzige Partnerin Don zum Beispiel kauft an ihrem Geburtstag im Dalaat (so wird in Thailand ein Markt genannt), an einem speziellen Stand kleine lebendige Fische, junge Schildkröten und lebendige Vögel.

Alles wird in die unentbehrlichen Plastiktüten gepackt, wobei die Schildkröten und Fische überlebenswichtiges Wasser erhalten. Dann begibt sie sich mit diesen Dingen zu einem hübsch gelegenen See, hockt sich an das Ufer, hält jedes Beutelchen mit beiden Händen sekundenlang über den Kopf und gibt den Tieren nacheinander ihre Freiheit zurück. Die Fische werden frei gelassen, so dass sie in ihrem natürlichen Lebensraum groß werden können. Die Schildkröte, die ob der ihr unbekannten Umgebung nicht weg schwimmen will, wird ergriffen und ins tiefe Wasser geworfen und die drei Vögel schwirren flink auf den nächsten Baum.

Don freut sich, sie hat gutes getan und das hat positive Auswirkungen in ihrem nächsten Leben. Tam Buun ist in Thailand für jeden gläubigen Buddhisten die Bezeichnung für gutes tun, um religiöse Verdienste zu erwerben.

Nicht nur im Tempel, bereits in der Schule werden den Kindern die wichtigsten Leitsätze übermittelt. Der Buddhismus vermittelt folgende zehn wichtige Lehrsätze um Tam Buun zu tun:

1. Dana, das Geben oder Schenken
2. Sila, ein tugendhaftes Leben führen
3. Wipadsanaa, Meditation
4. Apacayana, Ehrehrbietung
5. Veyyayacca, Hilfsbereitschaft
6. Patti dana, eigene Verdienste anderen widmen
7. Pattanumodana, sich über Verdienste anderer freuen
8. Dhammassavana, anhören der buddhistischer Lehre
9. Dhammadesana, Verbreitung der buddhistischen Lehre
10. Ditthujukamma, überdenken der eigenen Ansichten

Darüber hinaus gibt es in Thailand weitere Möglichkeiten gutes zu tun und damit Verdienste zu erwerben. Beispielsweise indem man den Mönchen Essen, Kleidung, Toilettenartikel und Medikamente spendet oder ihnen bei ihren Wanderungen eine Unterkunft bereitet.

Das größte Tam Buun ist, wenn ein männliches Mitglied aus einer Familie die Ordination als Mönch erwirbt. Deshalb geht fast jedes männliche Mitglied einer Familie einmal in seinem Leben für mindestens eine Woche, doch zumeist länger, in ein buddhistisches Kloster. Die Verdienste, die er damit verdient, kommen den weiblichen Mitgliedern der Familie zu gute, denn ihnen ist es in Thailand noch nicht möglich ordinierte Nonne zu werden.

Deshalb wünscht sich meine Exfrau auch sehnlich, dass ihr Sohn Tom mit 22 Jahren ins Kloster geht. Sie wünscht sich sogar, dass sich Tom dort für eine längere Zeit aufhält und das, vermutlich in Anbetracht ihrer Lebensführung, nicht ohne triftigen Grund.

Da in der dualen Religion Thailands neben dem Buddhismus auch der Geisterglaube aus der animistischen Zeit fest etabliert hat, will ich nunmehr noch etwas über dieses Phänomen berichten
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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