Geisterglauben

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koratwerner (†2012)
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Geisterglauben

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Sa Aug 25, 2007 4:21 pm

Allenthalben glaubt der Besucher Thailands, dass der größte Teil der Bevölkerung treue Anhänger des Buddhismus sind. Betrachtet man den klassischen Buddhismus in Thailand und kennt die tiefe Religiosität der Gläubigen Bevölkerung, fragt man sich dann zwangsläufig, wie denn der scheinbare Widerspruch zu dem allseits erkennbaren Geisterglauben zu erklären ist.

Jedem Besucher Thailands fallen beispielsweise umgehend die Geisterhäuschen ins Auge, die nicht nur im Isan in den Dörfern vor den Wohnhäusern, sondern auch in den Städten, sogar vor Industrieanlagen, Ho-tels und Bürogebäuden stehen. Ist in den Städten ebenerdig kein Platz auf dem Grundstück für sie vor-handen, dann werden sie sogar auf dem Flachdach oder auf einem Balkon des Gebäudes aufgestellt. Sie sehen hübsch aus, die kleinen Holz- oder Betonhäuschen, die den sakralen Gebäuden eines thailändischen Tempels ähneln und immer auf Pfählen in Kopfhöhe stehen. Für den unwissenden Besucher und Gast dieses Landes stehen die Geisterhäuschen und die Verehrung von Geistern im krassen Widerspruch zum Buddhismus, dessen weltweites Zentrum sich nach Ansicht der hiesigen Gläubigen in Thailand etabliert hat.

Gewinnt man einen etwas tieferen Einblick in die Welt des Geisterglaubens der Bevölkerung, sind die Geisterhäuschen sogar nur die Spitze eines Eisberges, der aus dem Wasser ragt. Diesen scheinbaren Wi-derspruch zum Buddhismus an dieser Stelle zu erläutern, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen und bleibt deshalb einem anderen Artikel vorbehalten. Um jedoch die Beweggründe der Thailänder solche Häuschen aufzustellen etwas verständlich zu machen, mag die folgende Erklärung dienen.

Wenn ein neues Gebäude gebaut werden soll, wird nach Glauben der Thai der dort im Boden wohnende Erdgeist Phii Chao Thi vertrieben. Um ihn nicht zu erzürnen, wird ihm deshalb eine neue Wohnstatt angeboten, die auf einer Säule steht. Oft wird auch noch ein zweites Häuschen gebaut. Das steht auf vier oder sechs etwas niedrigeren Säulen und ist die Wohnstatt für den Luftgeist Phii Chao Phum. Dieser Geist ist die Seele des verstorbenen Hausbesitzers, die in der Luft über das Grundstück wohnt und es bewacht.



Bild Geisterhäuschen

Bevor ein Geisterhaus aufgestellt wird, muss von einem Geisterkundigen der geeignete Platz und der richtige Zeitpunkt gefunden werden. Auf keinen Fall darf der Schatten des zu errichtenden Gebäudes auf die Geisterhäuschen fallen. Oft richtet sich deshalb der Bauplan nach dem Standort der Geisterhäuser und gar nicht selten beginnt der Neubau erst, wenn das neue Domizil für den Erdgeist bereits eine geraume Zeit aufgestellt wurde. Gar nicht selten befindet sich in unmittelbarer Nähe, zumindest in Sichtweite das Eingangsportal zu dem neuen Gebäude. Deshalb können die Geister nicht nur für Glück sorgen, sondern auch unliebsame Besucher fern halten oder besänftigen.

Die kleine Plattform, auf der sich ein Geisterhaus befindet, steht immer in Augenhöhe. Stet es zu niedrig, könnten die Geister beleidigt sein und steht es zu hoch, können die Opfergaben nicht gut platziert wer-den. Oft stehen die Häuschen auf einem gefliesten Podest. Das unterstreicht den Respekt, den die Be-wohner ihren Schutzgeistern beimessen. Auf der kleinen mit einem Zäunchen versehenen Plattform ste-hen kleine Figuren, wie menschliche Dienstboten, Büffelkarren, Elefanten, vielleicht auch ein kleines Tischchen und Bänke oder Stühle. Dem dort wohnenden Geist soll damit das Wohnen angenehm gemacht werden. Damit der Geist auch in der Nacht seine Wohnung findet, ist das Haus manchmal mit bunten Lichterketten versehen, oder an der Eingangsseite brennt während der Dunkelheit ein Kandelaber. Meis-tens an dem Tag in der Woche, an dem Buddha gedacht wird, wird den Geistern geopfert, um sie gnädig zu stimmen.

Dazu verwendet man extra Vasen, Schälchen und Gläser, die mit Blumen, Lebensmitteln und Getränken gefüllt, auf der Plattform abgestellt werden können. Manchmal werden den geistern außer Alkohol sogar Betelnussbissen angeboten. Warum es immer 9 dieser Bissen, 9 Räucherstäbchen und neun Orangen usw. sein müssen, ist mir leider noch unbekannt. Weiter werden kleine Kerzen angezündet und die Räucher-stäbchen glimmen. Oft steht bei dieser Zeremonie sogar ein Tischchen vor den Häuschen, damit auch um-fangreichere Dinge geopfert werden können. Die Räucherstäbchen werden erst angezündet, wenn alles aufgebaut ist. Dann wird zum Schluss ein Gebet gesprochen, ein Wunsch geäußert oder ein Dank für ei-nen in Erfüllung gegangenen Wunsch ausgesprochen. Während dessen die Räucherkerzen abbrennen, können sich die Geister an dem Dargebotenen laben. Sind sie abgebrannt, sind die Geister zufrieden gestellt. Die Opfergaben können dann abgeräumt und an Bedürftige verschenkt werden.

Geisterhäuschen findet man nicht nur in der Nähe von Häusern, sondern manchmal auch an einem Feld-rand. Dieses Häuschen ist die Wohnstatt des früheren Landbesitzers, dessen Geist über das Feld wacht, es schützt und für eine gute Ernte Sorge trägt. Man sieht diese Geisterhäuschen nicht oft und noch seltener hat man die Gelegenheit bei dessen Errichtung dabei zu sein. Ich hatte dieses Glück und kann aus eigener Anschauung berichten.

Bereits zwei Tage, vor dem von einem Geisterkundigen errechneten Aufstelldatum beginnen die Vorberei-tungen. Pho, der Schamane der Familie hat frische Bananenblätter besorgt und schneidet sie in etwa 10 x 20 cm große Rechtecke, rollt er die Blätter zu einem schlanken Kegel und verziert die Spitze mit einer weißen Blütenknospe aus Kunststoff. Kritisch betrachtet er sein Werk und wenn es ihm gefällt, drückt er den unteren Teil des Kegels zusammen und das kleine Kunstwerk ist stabil. Dann greift er nach einem gelben Textilband, bindet es etwa mittig parallel zum flachen Ende des grünen Kegels, faltet es kunstvoll zu einer offenen Blüte und heftet diese mit dem Tacker fest. Das gleicher wiederholt er jetzt mit einem roten Band und wenn man es genau betrachtet sieht sein Werk wirklich aus, wie ein Blütenkelch. Diesen Vorgang wiederholt er unzählige male bis so an die Hundert dieser Bauteile zusammen sind. Jetzt heftet er 10 Segmente, eines nach dem anderen, hintereinander, so dass die Spitzen der Kegel strahlenförmig in einer Reihe von etwas 20 cm im Abstand von etwa 2 cm auseinander stehen, und die Endstücke der Kegel eine Reihe von etwa 7 cm bilden.

Am Nachmittag wird alles mit weiteren Utensilien auf einen Pick-Up geladen und die Fahrt geht von Korat aus ins etwa 120 km entfernte Nong Sang Nuan. Unterwegs wird noch ein grünes Geisterhäuschen gekauft und aufgeladen. Bei dem Grundstücksbesitzer angekommen, wird alles ausgeladen und in der obe-ren Etage des Hauses ausgebreitet. Pho sortiert alles und ein Gehilfe schneidet jetzt mit dem Messer aus einer der am Bau gebräuchlichen Isolierplatten zwei Ronden, die er in die Öffnung zweier goldfarbigen Schalen einpasst.

Pho hat inzwischen aus Bananenblättern zwei große Kegel von etwa 30 cm Höhe gewickelt, die jetzt mittig auf die Ronde angebracht werden. Dazu wird erst der Kegel ausgerichtet und mit vier Holzstäbchen fixiert. Dann wird der Kegel entfernt, die Holzstäbchen aus der Ronde gezogen, etwas schräg wieder eingesetzt und der Kegel darüber geschoben. Der sitzt jetzt schön fest. Dann werden vier der am Vortag hergestell-ten Blütensegmente unterseitig kreuzförmig dem Rand der Schale und der Ronde befestigt, so dass das ganze Gebilde in etwa einer Monstranz ähnelt. Allerdings ragen hier vier Strahlensegmente in die Luft, wohingegen bei einer Monstranz in der Regel nur zwei Strahlensegmente vorhanden sind. Während des-sen schneidet der Gehilfe des Schamanen weitere 4 x 5 Ronden, von denen 4 Stück jeweils um 2 cm klei-ner werden.

Danach wird Gold- und Silberfolie um den Rand der Ronden geklebt, so dass die mit ihren Zacken und eingeschnittenen Robben wie immer kleiner werdenden Königskronen aussehen. Am nächsten Morgen wird weiter gearbeitet. Pho stellt noch 5 weitere, etwas kleinere goldene Schalen her, die den schon fertig gestellten großen Schalen ähnlich sind. Alle Schalen werden jetzt mit gelben Blumen verziert und vor dem Hausaltar aufgestellt. In der Mitte der Kronen wird jetzt ein Loch ausgeschnitten und alles im Abstand von etwa 40 cm auf langen Bambusstangen befestigt. Diese Gebilde ähneln jetzt sehr den Tibetanischen Ge-betsfahnen, die an langen Stöcken flattern.

Der Schamane betrachtet das Werk, ist zufrieden und spricht vor dem Hausaltar einige Gebete. Dann wird, außer den 5 kleineren Schalen, alles auf die Ladefläche eines LKW geladen, die Eigentümer des Feldes und einige weitere Familienmitglieder suchen sich einen freien Platz auf der Pritsche und ab geht es über holprige Feldwege etwa 4 durch schier endlos scheinende Maniokfelder km bis zu dem fraglichen Grundstück. Das fragliche Feld ist abgeerntet und schon wieder angepflanzt worden. Die aus dem Boden ragenden Setzlinge tragen schon die ersten Blättchen. Der Eigentümer hat jetzt etwas Geld um sich sei-nen sicher schon lang gehegten Wunsch nach einem Geisterhäuschen auf seinem Acker erfüllen zu kön-nen.

Nach den aufwendigen Vorbereitungen, beginnt jetzt die eigentliche Zeremonie. Pho, der Schamane sucht am Rande des Feldes nach einem geeigneten Platz für das Geisterhäuschen, murmelt eine Beschwörung und zwei Männer aus der Familie graben an der von ihm bezeichneten Stelle ein etwa 50 cm tiefes Loch. Mit einem in Wasser getauchten Blätterwedel segnet jetzt der Schamane den Standort und der Fuß des dreiteiligen Geisterhäuschens wird hineingestellt und mit etwas Erde standsicher gemacht. Mit einem Glas voll Wasser auf der oberen Plattform wird als Ersatz für eine Wasserwaage, der Fuß ausgerichtet. Dann wird eine etwa 60 x 60 cm große Platte mit einem umlaufenden Rand darauf gesetzt und zum guten Schluss in deren Mitte das eigentliche Geisterhaus gestellt.

Alsdann werden von dem Schamanen um das Geisterhäuschen kleine menschliche Figuren, ein Tisch mit Stühlen und kleine Tierfigürchen drapiert. Zum Schluss wird alles noch mit kleinen Blumenvasen, in denen sich die nicht wegzudenkenden gelben Blumen befinden und die Sache ist fertig. Zwischenzeitlich hat der Gehilfe die vier Bambusstäbe mit den kronenähnlichen Verzierungen aufgestellt und Pho der Schamane ist zufrieden.







Bild Geisterbeschwörung


Die Familienmitglieder haben derweil zwei kleine Tische hintereinander gestellt, mit weißen Tüchern abge-deckt und allerlei Gebäck, Süßigkeiten, Obst, Reis, gebratene Fleischstückchen und die zwei schönen Kunstwerke darauf gestellt. Alles wird jetzt mit Blumen verziert, wobei nicht vergessen wird, zwei Wassergläser mit Erde zu füllen und am Rand des Tisches zu stellen.

Jetzt zündet der Schamane Räucherstäbchen an, hebt sie beschwörend in die Luft und murmelt weitere Gebete. Später stellen sich die Familienmitglieder hinter ihm, zünden ebenfalls Räucherstäbchen an und murmeln mit dem Schamanen, erst stehend, dann hockend, weitere Gebete. Der Rauch der Räucherstäb-chen zieht derweil mit dem leichten Wind über das Geisterhäuschen hinweg und ich als fremder Europäer kann mich nur wundern, wie ernst die Thais diese Angelegenheit nehmen, die doch im Grunde gar nichts mit dem Buddhismus zu tun hat.

Plötzlich stehen alle auf, stecken die Räucherstäbchen in die bereit gestellten Gläser und begeben sich dann in den Schatten einiger in der Nähe stehender Bäume. Hier wird gescherzt und gelacht und ich erfahre, dass der Geist des verstorbenen Mannes, dem dieses Land einmal gehört hat und der sich hier ru-helos aufhält, jetzt eine schöne Wohnstatt hat, die er wohl auch annehmen und künftig von hier aus das Feld bewachen wird, die Schädlinge vertreiben und für eine gute Ernte sorgen kann.

Nach 20 Minuten ist die Angelegenheit vorbei. Die Räucherstäbchen sind niedergebrannt, der Geist hat sich an all den schönen Sachen gelabt und hat Besitz von seinem neuen Domizil ergriffen. Die Speisen, Blumen und die anderen Utensilien werden abgeräumt und mit den Tischen wieder auf den LKW verladen. Pho der Schamane murmelt mit zum Wai erhobenen Händen noch einmal eine Beschwörung und dann geht es zurück. Das Ganze hat in etwa zwei Stunden gedauert und steht in keinem Vergleich zu den sehr langwierigen und mühsamen Vorbereitungen. Der Schamane lebt von seiner Arbeit und hat all das sicher nicht unentgeltlich gemacht. Was der an und für sich wenig betuchte Auftraggeber ihm bezahlt hat, konn-te ich leider nicht erfahren.

Wieder zurück, werden die Kunstwerke aus Bananenblättern vor den Hausaltar gestellt. Der Schamane segnet fünf der Familienmitglieder mit den fünf anderen Schalen, indem er diese erst über den Kopf und dann über die linke Schulter hält und dabei Gebete und Beschwörungen murmelt. Die jetzt alle in Weiß gekleideten Familienmitglieder schauen mit zum Wai erhobenen Händen andächtig zu und dann ist die Aufgabe des Schamanen Pho beendet.

Warum all dieser Aufwand? Weil die Menschen im Isan den Brauch sich mit den Geistern gut zu stellen aus der vorbuddhistischen Zeit übernommen haben und weil sie daran glauben, fest glauben. Das lassen sie sich sogar viel Geld kosten, trotzdem sie im Grunde genommen doch so bettelarm sind.

Der Schamane Pho, dessen Frau vor einigen Wochen gestorben ist, geht in wenigen Tagen als Mönch in ein Wat. Er will den Rest seines Lebens dort bleiben, denn weil er keine Familie hat, meint er sich dort wohl zu fühlen. Niemand sieht ein Interessenkonflikt zwischen seiner jetzigen und zukünftigen Tätigkeit. Er ist ja weiterhin zum Wohle der Menschen da.

Ich glaube, es wird ihm im Wat schwer fallen. Pho trinkt gerne ein Bier, ist beinahe Kettenraucher und bei einem köstlichen Essen strahlt sein Gesicht. Im Wat ist das alles vorbei und ich bewundere und achte seine Entscheidung. Im Kloster wird er sich wahrscheinlich doch einleben. Er meint das wenigstens. Da ist er der verstorbenen Frau wieder etwas näher. Sie war auch Schamanin. Als sie noch lebte, haben sich beide die Arbeit geteilt und es hat ihnen Freude gemacht, die Menschen glücklich zu sehen. Jetzt macht ihm das alles keine große Befriedigung mehr. Am zweiten Juni nimmt er im Kreis von Freunden Abschied von sei-nem bisherigen Leben. Schon am Vormittag werden seine Haare geschoren und er würde sich freuen, meint er, wenn ich ihn dann anschließend mit meinem Pick-Up in das etwa 100 km entfernte Wat bringen könnte.

Die Geisterhäuschen sind Relikte aus der so genannten animistischen Zeit, die stark von einem Geister-glauben geprägt war. Diesen Glauben kann man durchaus als Spätform einer vor dieser Zeit praktizierten Naturreligion ansehen. Beim Animismus handelt es sich um den Glauben an die beseelte Natur. Bei der Naturreligion schriftloser Völker wird dagegen durch mündliche Überlieferungen meist die Ahnenverehrung oder Naturprinzipien, wie das Wesen der Gestirne, den Ablauf der Jahreszeiten, das Wetterverhalten oder Saat, Ernte und Fruchtbarkeit weitergegeben.

Da das Wesen des thailändischen Geisterglaubens sich auf den Zeitraum des jetzigen Daseins beschränkt, hatte der Buddhismus, der sich im wesentlichen mit dem jenseitigen Leben nach dem Tot befasst, es relativ leicht den Geisterglauben zu ergänzen und konnte deshalb relativ schnell seinen Siegeszug antreten. In Thailand trifft man deshalb heute im weitesten Sinne auf zwei Religionen, die sich gegenseitig ergänzen und von der Bevölkerung heute vielfach als eine Einheit angesehen werden.

Die Geisterhäuschen sind daher in den Augen der Bevölkerung keine Rudimente, die sich aus der klassischen animistischen Zeit erhalten haben, sondern sind religiöse Kultstätten, die fälschlicherweise der Staatsreligion, dem Buddhismus, zugeordnet und von dieser zumindest geduldet werden.

Als Anhänger einer Religion, wie dem Christentum, dessen Dogma die Anbetung von anderen Göttern strikt untersagt, ist man sehr erstaunt hier in Thailand so etwas wie zwei Religionen anzutreffen. Thailand ist ja immerhin dasjenige Land in Südostasien, in dem die Menschen glauben aufgeklärt, modern und fort-schrittlich zu sein. In der Tat orientierte sich Thailand bereits vor 150 Jahren unter Rama V. an westeuro-päische Länder und war bisher das Land in Südostasien, das den westlichen Ländern am meisten ähnelt. Was allerdings die Einstellung zur Religion betrifft, da sind die Thailänder sehr traditionsbewusst und bewahren die alten Überlieferungen.

Fragt man die Thailänder, welcher Religion sie angehören, dann bekennen sich 94% zum Buddhismus und niemand von ihnen wird sagen, er praktiziere zusätzlich noch einen Geisterglauben, den dieser ist unein-geschränkt Teil der dualen Religion. Für einen Fremden ist das oft unverständlich. Doch da ja in Thailand vieles anders und merkwürdig ist, nimmt man diesen scheinbaren Widerspruch in der Religionsausübung verwundert aber doch gelassen hin, denkt sich vielleicht dabei, dass die Thailänder in dieser Richtung nicht alle Tassen im Schrank haben und lässt es dabei bewenden. Man versteht auch beim Anblick dieser Geisterhäuschen den Buddhismus nicht, dass der so etwas neben sich duldet und nicht verbietet. Außer-dem sind die Geisterhäuschen mit den Opfergaben sehr schöne Fotomotive und man kann später Zuhause den Daheimgebliebenen mit besser wissender Überheblichkeit von diesem, uns unverständlichen, deshalb als schizophren angesehenem Verhalten der Thailänder erzählen.

So zu denken und zu handeln, ist von ausländischen Besuchern, aber auch von vielen hier lebenden Ex-pats, ein Kardinalfehler, ein Zeichen dafür, dass sie sich über die in Thailand anzutreffende Symbiose von Buddhismus und Geisterglauben weder informiert, noch eigene Gedanken gemacht haben. Sie wissen vielleicht, dass der Buddhismus Staatsreligion ist, vielleicht auch noch, dass der Buddhismus gegenüber an-deren Religionen sehr tolerant ist, sonst wissen sie wenig.

Für die Sonnenanbeter aus den kalten Ländern und den Flugbarbesuchern, die mit dem Flugzeug gekom-men jeden Abend eine Bar stürmen, sich voll laufen lassen und sich eine der vielen willigen Frauen an-geln, ist das auch uninteressant. Doch, Gott sei Dank, es kommen immer mehr Touristen in dieses schöne Land, die Land, Leute und auch die Kultur kennen lernen und verstehen wollen.

Besonders für den Farang, der eine Partnerschaft mit einer Tochter dieses Landes eingegangen ist oder beabsichtigt, ist das Wissen über die Zusammenhänge zwischen Religion und Geisterglaube sehr wichtig, steht doch die Religion in der Rangfolge der Wertigkeit gerade bei den Frauen aus dem Isan, die die meisten heiratswilligen Frauen für einen Farang stellen, an erster Stelle.

Der Einfluss der Religion ist in Thailand nicht zu unterschätzen. Der hier mit einer Thaifrau liierte Farang, der sich darüber hinwegsetzt, hat schlechte Karten, denn seine Frau empfindet das auch als Missachtung ihrer Person und bezweifelt, dass ihr Mann sie jemals wirklich geliebt hat. Befasst sich ein Farang nicht mit der Religion seiner gläubigen Frau, dann bleibt er ihr zwangsläufig fremd, versteht ihre dies bezügli-che Handlungen nicht und kann sich weder in ihre Lage versetzen, noch den Stellenwert erkennen, den die die Religion für seine Frau hat.

Wenn man beim Buddhismus von einer Religion spricht, dann ist das nach westlichem Maßstab nicht rich-tig. Eine westliche Religion beinhaltet einen Gott den es zu verehren und anzubeten gilt und dessen Gebo-te befolgt werden sollen. Der Buddhismus dagegen ist eine Doktrin, die keinen Gott kennt. Er steht über jedes Gottverständnis und verbietet seinen Anhängern nicht, gleichzeitig einer anderen Religion anzuge-hören.

Nicht anders handeln die Thais. Der Buddhismus zeigt ihnen die Möglichkeit über den langen Weg der Reinkarnation das Nirwana zu erreichen (siehe auch Reinkarnation bei Wikipedia u.a.), wohingegen in der diesseitigen Welt die Geister regieren, die, wenn man sie nicht beachtet, einem das Leben schwer machen können. Es gibt demnach keinen Konflikt zwischen dem Geistserglauben und dem Buddhismus. Für die Geister sind die kleinen Tempelchen vor den Häusern und in den Wohnungen da, damit sie eine Wohnstatt haben und mit kleinen Opfern gnädig gestimmt werden können und für das Jenseits sind die Äbte und Mönche zuständig, die in einem Kloster, dem so genannten Wat, leben. Bevor wir uns den wichtigsten Geistern Thailand zuwenden, betrachten wir einmal Grundzüge des Klosterlebens. Der oberste Mönch in einem Kloster ist der Abt, der normalerweise auf Lebenszeit im Kloster lebt.

Da der Buddhismus über keine übergeordnete zentrale Leitstelle verfügt, ist ein Abt in seinem Kloster un-eingeschränkter Herrscher und kann sein Kloster so führen, wie er es für richtig hält. Die meisten Mönche dagegen halten sich nur vorübergehend zum Studium der buddhistischen Lehre im Kloster auf.

Alle Mönche unterliegen einem strengen Zölibat. Deshalb dürfen sie nie in körperliche Berührung mit einer Frau geraten. So lange sie sich im Kloster aufhalten, gilt das auch für verheiratete Mönche ihren Ehefrauen gegenüber. Wenn die Mönche beispielsweise am frühen Morgen von Haus zu Haus gehen, um von den Gläubigen milde Gaben, meist gekochten Reis, Chili und vielleicht ein gekochtes Ei oder gar etwas zube-reitetes Fleisch einsammeln, warten vor den Häusern meist kniende Frauen oder Mädchen mit ihren ge-füllten Schüsseln und füllen ihre Gaben dann in die Schüssel des Mönches. Dabei vermeiden sie jedwede Berührung. Hat der Mönch die Gaben empfangen, erhebt die Hände zum Wai und spricht leise ein kleines Gebet. Der Mönch dagegen bedankt sich und wünscht dem Spender, den Bewohnern des Hauses und den dort lebenden Tieren alles Gute.

Die buddhistischen Zeremonien für die Gemeinschaft der Gläubigen finden in der Regel im Kloster, also dem Wat, statt. Ein Wat ist eine Symbiose aus Kirche, Kloster, oft einer Schule und manchmal einem Bürgerhaus. In Thailand gibt es über 30.000 davon. Irgendwann in seinem Leben soll jeder Mann einmal als Novize eine oder mehrere Wochen ein Wat aufsuchen, um dort die buddhistische Lehre zu studieren. Vorzugsweise wird dazu eine dreimonatige Periode genutzt, während der alle Mönche ihre tägliche Wande-rung einstellen und im Wat bleiben. Selbst der amtierende König Bhumibol und sein Sohn, Kronprinz Vaji-ralongkorn entschieden sich für diesen traditionellen Aufenthalt. Da es keine Machtausübung durch eine übergeordnete Institution im Buddhismus gibt, werden die weltlichen Angelegenheiten, wie Fragen des Landbesitzes und der Erhalt buddhistischer architektonischer Monumente und Bauwerke, vom staatlichen Bildungsministerium wahrgenommen.

Auch hat der Staat einige Gesetze zum Schutz des Buddhismus, sowie auch für aller anderen praktizierten Religionen erlassen, die dann greifen, wenn der Frieden der Gemeinde gestört wird, als heilig geltende Gegenstände und Zeremonien verunglimpft werden und durch das unberechtigte Tragen von religiöser Kleidung der Eindruck erweckt wird, Würdenträger einer bestimmten Religion zu sein. Diese Gesetze greifen nicht nur beim Buddhismus, sondern sind gleichbedeutend für alle Religionen. So ist auch der buddhistische König gleichzeitig Hüter aller im Lande praktizierten Religionen.

Ob es ein Wat mit seinen Mönchen ist, oder das Geisterhäuschen vor dem Haus, für die meist einfachen Thai ist alles eine einzige Religion. An jedem Vollmond- und Neumondtag und jeweils an den dazwischen liegenden Halbmondtagen, ist Buddhatag. Diese vier, manchmal fünf Tage im Monat sind Buddha geweiht. Sie sind jedoch keine gesetzlichen Feiertage. Viele Gläubige essen an diesem Tag vegetarisch. An diesem Tag sollen auch keine Tiere geschlachtet werden und besonders gläubige Menschen verzichten auf Zigaretten, Alkohol und den Geschlechtsverkehr. An diesem Tag bleiben auch alle Mönche in ihrem Kloster und die Gläubigen bringen dann ihre milden Gaben ins Kloster.

Den Buddhatag nutzen viele gläubige Thailänder dazu am Morgen ihre Geisterhäuschen und Haustempel mit Blumen zu schmücken, Räucherkerzen vor den Häuschen anzuzünden, Reis und Obst, Getränke, Ziga-retten und manchmal sogar Alkohol und Betelnussbissen zu opfern und den in dem Häuschen wohnenden Geist im Gebet zu danken oder um ihm eine Bitte vorzutragen. Vorzugsweise werden diese Zeremonien von den Hausfrauen erledigt, während der Mann zur Arbeit geht. Sobald die Räucherkerzen niedergebrannt sind, können die Opfergaben wieder abgeräumt werden, denn dann ist der Geist sozusagen gestärkt und zufrieden gestellt. Oft erscheinen dann bei etwas betuchteren Leuten arme Nachbarn, wie arbeitsunfähige Witwen oder kinderreiche Frauen, an die die jetzt ihren Zweck erfüllt habenden Gaben ver-teilt werden. Buddha freut sich, sagte meine thailändische Frau, und verteilte alles großzügig.

Hat man die Geister um Hilfe bei der Erfüllung eines wichtigen Wunsches gebeten und ihm dafür eine Belohnung versprochen, dann muss man dieses Versprechen auch halten. So kann es passieren, dass den geistern zwischendurch auch schon einmal ein Brathähnchen oder eine größere Flasche Reisschnaps in einer besonderen Zeremonie geopfert wird. Was man den Geistern verspricht, muss man auch halten, denn sonst erzürnt man sie und sie könnten sich rächen und Unheil über die Hausbewohner bringen.

Zwei der wichtigsten Geister sind jene, die in den kleinen Geisterhäuschen ihre Wohnstatt haben. Der jeweils höher aufgestellte Schrein, der auf einer Säule steht, ist der Wohnsitz des Erdgeistes Phra Pum, bei uns vergleichbar mit einem Engel oder einer Gottheit. Er ist der der Geist des ursprünglichen Besitzers des Grundstücks und verantwortlich für das Wohlergehen der Hausbewohner. Er kann ihnen ein glückliches Leben sichern.

Der immer neben dem Phra Pum auf vier oder sechs Säulen stehende, etwas kleinere Schrein ist für die Dschao Ti Luftgeister. Das sind die über dem Grundstück schwebenden Seelen aller verstorbenen Hausbewohner. Sie bekommen ihre eigene Wohnstadt, damit sie nicht mit den Menschen im gleichen Haus leben müssen. Für die Aufstellung der Geisterhäuschen gibt es streng einzuhaltende Re-geln. So ermittelt zum Beispiel ein Geisterbeschwörer vor der Einsegnung den günstigsten Standort, auf den auf Feinen Fall der Schatten eines Gebäudes fallen darf. Eingesegnet werden dann die Häuschen e-benfalls von einem kundigen Geisterbeschwörer, denn sonst nehmen die Geister ihre neue Wohnstatt nicht an.

Nicht mehr gebrauchte Geisterhäuschen, weil sie zum Beispiel baufällig geworden sind oder weil das Haus vor dem sie stehen abgerissen wurde, dürfen nicht achtlos weggeworfen werden. Sie werden überliefe-rungsgemäß meist an einem heiligen Baum abgestellt, in dem ein Geist wohnt, damit die Termiten und Ameisen den Baum nicht beschädigen, sondern sich von dem Holz dieser ausgemusterten Häuschen ernähren.

Sehr wichtig ist auch der Hausgeist der für die im Hause wohnende Familie zuständig ist. Er hat seine Wohnstatt in der Wohnung. Meistens ist das eine Buddhafigur, die einen kleinen Hausaltar schmückt. Oft sieht man auch eine kleine Figur des Königs Rama V., der beinahe 100 Jahre nach seinem Tot in der Be-völkerung immer noch eine große Verehrung genießt. Um die Figur herum sind kleine Blumenvasen und Tierfigürchen gestellt. Auch kleine Behälter, mit Sand oder Erde gefüllt, wohinein die Räucherstäbchen gestellt werden, dürfen ebenso wenig fehlen, wie die kleinen Tellerchen die als Standfläche für kleine Wachskerzen dienen.

All das muss so dimensioniert sein, dass auch noch genügend Platz für die Opfergaben da ist. Meist hängt der Hausaltar gut zugänglich in einer Ecke des Wohnraums und da er in der Regel rundherum mit einem kleinen Zäunchen versehen ist, kann man an ihm kleine Blumenketten hängen die überall, oft sogar den an den Ampeln den wartenden Autofahren feilgeboten werden.

Wie der Geisterglaube auch heute noch aus einer Legende entstehen kann, habe ich von meiner Frau erfahren. Nicht nur vor unserem Haus steht neben dem Geisterhaus für den Luftgeist ein Domizil für den Erdgeist, der seinerzeit beim Bau des Hauses eine neue Wohnstatt benötigte, auch am Rande unserer Wohnanlage steht ein großes Geisterhaus für den Erdgeist. Jedes mal am Buddhatag, verschwindet meine Liebste mit Jay Memm, einer älteren Frau aus unserer Siedlung und beide schmücken ein bis dato von den Bewohnern der Siedlung vernachlässigtes Geisterhaus, dessen Geist für die ganze Siedlung zuständig ist. Sie versorgen ihn mit frisch gekochtem Reis, Obst, Zigaretten, Wasser und manchmal mit etwas billigem Schnaps. Ich möchte natürlich wissen, warum dort solch ein Geisterhaus steht und meine Frau erzählt mir, folgende Geschichte, die ihr Jay Memm, die schon länger hier wohnt, malerisch berichtet hat.

Vor etwa acht Jahren, als die Siedlung gebaut werden sollte, war das gesamte Areal wild bewachsen und einige Arbeiter wurden damit betraut Straßen zu bauen und die Baugrundstücke abzustecken. Eines Tages, zur Mittagszeit wurde einer der Arbeiter plötzlich sehr müde und legte sich ins Gebüsch um sich aus-zuruhen. Erst als Feierabend war, wurde der Mann von seinen Kollegen vermisst, die ihn darauf hin suchten und ihn tot an der Stelle fanden, an der heute das Geisterhäuschen steht.

Keiner der Arbeiter wollte der jungen Frau des Verstorbenen die traurige Nachricht über den Tot ihres Mannes überbringen. Allerdings brachten sie den Toten ins nächstgelegene Wat, wo er wohl eingeäschert werden würde. Da die Mönche der Ansicht waren, dass die Ehefrau bereits unterrichtet sei, erfolgte auch von hier aus keine Benachrichtigung. Als nun der Mann nicht zur gewohnten Zeit zum Essen nach Hause kommt, macht die Frau sich sorgenvoll auf den Weg, ihren Mann zu suchen. Nirgendwo findet sie ihn, selbst nicht in dem Restaurant, wo er doch so gerne sein Feierabendbier trinkt. Niemand will ihr sagen, was ihm schreckliches passiert ist. Zum Schluss sucht die Frau ihn auf dem noch stark verwilderten Grundstück, ruft immer wieder seinen Namen, findet ihn jedoch nicht. Erst am nächsten Morgen, als die anderen Arbeiter wieder das Grundstück betreten, erfährt die immer noch hier wartende Frau die traurige Nachricht.

Ihr Mann war doch noch so jung und deshalb glaubt sie niemanden und hört nicht auf, jeden Tag ihren Mann zu suchen. Nach Wochen lässt sie dann an der Stelle, an der ihr Mann sich zum Ausruhen niederge-legt haben soll, dieses Geisterhäuschen errichten und stirbt wenige Tage darauf vor Kummer. Da sie aber auch jetzt noch immer ihren Mann sucht, kommt sie jede Nacht an das Geisterhäuschen in der Hoffnung ihn dort wieder zu finden um mit ihm vereint zu sein. Kein Mensch wollte deshalb aus Angst vor der nächtlich herumgeisternden Frau die Parzellen in der Nähe des Geisterhäuschens in Besitz nehmen und deshalb steht es heute noch einsam und verlassen auf den brach liegenden Grundstücken am Rande un-sere Siedlung. Fürwahr, das ist eine schlimme Geschichte, ein Beispiel aus jüngster Zeit dafür, wie der Geisterglaube zur Bildung einer Legende führt, die, wie fast alle Legenden des Isan traurige Begebenhei-ten zu Grunde liegen. Meine Frau glaubt an diese Geschichte und versorgt mit ihrem guten Herzen den Geist des verstorbenen Mannes. Ich werde den Teufel tun ihr den Unsinn ausreden zu wollen, sie würde doch bei ihrem Glauben bleiben und gegen meine Überzeugung den Geist weiter versorgen.

Der Verfasser ist sich darüber völlig klar, dass er als Christ die hier von ihm vertretene Zuordnung des Geisterglaubens zur buddhistischen Religion ablehnen müsste. Doch zwei Argumente sprechen dagegen. Das ist zum einen die traditionelle Erziehung der Menschen, die sie so handeln lässt, als ob der Geister-glaube ein Teil des Buddhismus ist. Zum anderen will der Verfasser dazu beitragen, den Ausländer über die Verknüpfung des Geisterglaubens mit dem Buddhismus zu informieren, damit er nicht nur das Volk, sondern vielmehr, soweit er mit einer thailändische Frau liiert ist, die Denk- und Handlungsweise seiner Frau verstehen kann und die Konsequenz aus diesem Verständnis in seinem Verhalten gegenüber seiner Frau im beiderseitigen Interesse eines harmonischen Zusammenlebens berücksichtigt.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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