Wohnen auf dem Land

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koratwerner (†2012)
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Wohnen auf dem Land

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Sa Aug 09, 2008 9:11 am

Wer nicht ganz auf seinen gewohnten Lebensstandard verzichten will findet im Isaan eine gute Infrastruktur nur in größeren Städten. Da gibt es Elektrizität, eine Wasserversorgung, geregelte Müllabfuhr, Festnetz mit Internet, befestigte Straßen und gute Verkehrverbindungen sind selbstverständlich. Wer jedoch auf diese Annehmlichkeiten verzichten will und ein ursprüngliches Leben bevorzugt, findet das natürlich in jedem Dorf.

Gar nicht wenige Ausländer leben hier oft inmitten der Dorfgemeinschaft in einem Holzhaus und nehmen teil an dem einfachen Leben der Landbevölkerung. Mancher Aussteiger hält das jedoch nicht über eine längerer Zeit aus, denn da er in der Regel nicht irgendwie geartet arbeiten darf, muss er die zwangsläufig aufkommende Langeweile bekämpfen. Sein Leben besteht in einem Dorf vorzugsweise aus Essen und Schlafen, vielleicht noch aus etwas Haus- und Gartenarbeit, wenn er es nicht vorzieht, dass eine Haushaltshilfe ihm diese Arbeit abnimmt, oder eine um ihn besorgte Lebenspartnerin diese Arbeit erledigt.

Lutz ist einer meiner Bekannten, die auf dem Land wohnen. Ganz freiwillig und mit frohem Herzen ist er vor 8 Jahren nicht hier gekommen. Seine Partnerin, die er wegen ihres leichten Übergewichts nur Dicke nennt, hat ihn seinerzeit mit leichtem Druck hier her gebracht. Kennen gelernt hat er sie in Bangkok. Als ihre Eltern eines Tages von ihrer Liaison mit einem Farang erfuhren, hat ihr Vater sie nach Hause befohlen und weil er sie erschlagen wollte, wenn sie nicht von dem Fremden ließe, ist Lutz gleich mit ihr gefahren.

Eisig wurde er in dem kleinen Dorf in den Reisfeldern des Isan von den Eltern seiner Liebsten aufgenommen und wie ein Nichts behandelt. Drinnen im Haus wurde lautstark palavert während dessen Lutz vor der Tür unter einem Wellblechdach warten musste. Als ein Wolkenbruch nieder ging, stieg das Wasser im Hof, denn der lag tiefer als die Straße, so dass der Regen nicht abfließen konnte. Erst kletterte Lutz auf eine Bank, dann sogar auf einen Tisch, damit seine Füße nicht nass wurden.

Der Streit im Haus ging unvermindert lautstark weiter und erst spät in der Nacht konnten Lutz und seine Liebste auf einem überdachten Holzrost abseits des Hauses zur Ruhe kommen. Ein verrückter Farang, sagten die Eltern am nächsten Tag, als Lutz auf seine Kosten den Hof fast zwei Meter hoch mit Erde auffüllen ließ und die Menschen im Dorf schüttelten den Kopf wegen der unnützen Geldverschwendung. Als jedoch die nächste Sturzflut kam, lief kein Regenwasser mehr ins Haus sondern suchte sich ein Weg in den nahe gelegenen Dorfteich. Papa und Mama sahen immer noch mit versteinerter Mine zu, belohnten aber den unerwünschten Lutz mit aufmerksamen Blicken.

Einige Tage später geriet die Familie in helle Aufregung. Der etwas abseits wohnende Schwiegersohn krümmte sich vor Schmerzen. Da half auch nicht die Geisterbeschwörung des Vaters, der im Dorf den Ruf eines Geisterheilers hatte. Der baute Kerzen um die Lagerstatt des Schwiegersohns auf, spukte Wasser in alle Himmelsrichtungen und murmelte Beschwörungen. Dann drückte er dem Erkrankten auf den Bauch und als der vor Schmerzen aufschrie, war der Geisterheiler zufrieden und beteuerte all den herum stehenden Leuten, dass der böse Geist nun verschwinden will.

Lutz, der erkannte, wie ernst die Erkrankung war, baute derweil mit einigen jungen Männern aus Bambusstangen und einer Plane eine Liege auf die Pritsche eines Itaen, einem treckerähnlichen Wagen. Dann betteten die jungen Männer den Kranken vorsichtig, natürlich unter Protest und Beschimpfungen des Geisterheilers, auf die Liege und fuhren ihn ins nächste Krankenhaus.

Gerade noch rechtzeitig, beteuerte der Arzt nach vier Stunden der inzwischen fast vollständig anwesenden Familie, denn mit einem Blindarmdurchbruch ist nicht zu spaßen. Gestorben währe der Mann und augenblicklich bewunderten alle den weitsichtigen Farang, der rechtzeitig das einzig Richtige veranlasst hatte.

Der Schwiegervater und Geisterheiler heftete sich den Ruhm vor allen Leuten im Dorf an seine Fahne und steigerte seinen Nimbus als unfehlbarer Heiler. Nach einem Gespräch mit dem ungeliebten Lutz versprach er diesem jedoch widerwillig, jeden schwierig erscheinen Krankheitsfall nach seinem Hokus Pokus schnellstens in die nächste Klink zu schicken.

Bei der Mutter seiner Liebsten hatte Lutz von Stund an ein Stein im Brett und wer eine so hoch angesehene Frau wie eine Oma im Isan zur Verbündeten hat, weiß, dass er zwar von allen anderen nicht voll und ganz akzeptiert, doch zumindest toleriert wird.

Inzwischen hat Lutz mitten zwischen Kuhscheiße und Hühnerdreck, wie er sagt, ein Häuschen gebaut, eine Pumpe installiert, eine Sickergrube gebaut, für die Entsorgung des Mülls gesorgt und ist zum willkommenen Fahrer der Familie aufgestiegen, denn er ist im Dorf alleiniger Besitzer eines Autos.

Zweimal wöchentlich fährt er mit den Frauen der Familie zum Markt in die nächste Kleinstadt und einmal im Monat gönnt er sich den Luxus nach Korat zu fahren, um für sich einzukaufen. Seit dem er eine Sattelitenschüssel hat, kann er sogar die deutsche Welle sehen. Nächstens gibt es sogar eine Antenne fürs Internet, denn in seinem abseits der Welt liegenden Kaff gibt es noch nicht einmal einen Draht fürs Telefon.

So oder so ähnlich sind die Verhältnisse, wenn ein Farang aufs Land zieht. Lutz hat es noch gut getroffen, denn die Familie seiner Frau liegt ihm nur wenig auf der Tasche. Zwar spricht auch sein Schwiegervater heute noch nur das Nötigste mit ihm, doch weil er für die zwei Kinder, die seine Frau mitgebracht hat und ihren gemeinsamen Sohn ein guter Vater ist, wird er geduldet und klammheimlich, damit das ach ja sonst niemand bemerkt, sogar um seinen Rat befragt.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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