Landleben

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koratwerner (†2012)
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Landleben

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Di Aug 05, 2008 8:44 am

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Landleben im Isaan


Lam Plai Mat und Ban Krok Padu? Von diesen Orten im Isaan, nahe der Provinzhauptstadt Buriram in Thailand, hat in Europa wohl kaum jemand ein Begriff. Im Internet findet man lediglich über Lam Plai Mat, dass es sich um eine Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern handelt, die an der Bahnlinie von Korat nach Udon Thani liegt und über ein Amphoe, vergleichbar mit einem Bezirksamt verfügt. Lam Plai Mat ist aber auch ein Fluss, der aus den südlich gelegenen Bergen kommend in den Mun mündet. Über Ban Krok Padu ist im Internet nichts zu finden und man muss schon eine sehr gute Landkarte einsehen, um diesen kleinen Ort südöstlich von Lam Plai Mat zu finden.

Der Zufall bringt mich dazu, über Ban Krok Padu, das sozusagen wie vergessen am Ende der Welt liegt, ein wenig zu schreiben. Don, meine Partnerin ist hier geboren. Ihre Familienpapiere werden jedoch nicht in ihrem Dorf, sondern in der Stadt Lam Plai Mat geführt. Irgendwann ist irgendwo ihre Geburtsurkunde verloren gegangen. In Thailand an und für sich kein Problem. Doch wenn sie daran denkt einen Ausländer deutscher Abstammung zu heiraten, muss ein Ersatzdokument beschafft werden und das geht eben nur in Lam Plai Mat. Dazu muss das Hausbuch der Eltern, das ist so etwas Ähnliches wie ein Familienstammbuch, in dem aber auch der eventuelle vorhandene Haus- und Grundbesitz dokumentiert ist, herangezogen werden. Dons Vater, ein betagter, fast 90jähriger Mann lebt noch in Ban Krok Padu und bei ihm muss dieses Hausbuch abgeholt werden.

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Über eine recht gut ausgebaute Landstraße fahren wir durch kleine Ortschaften und endlos erscheinende Reisfelder so an die 180 km bis Lam Plai Mat und von dort aus die letzten 20 km über eine mit Schlaglöchern reichlich gesegnete Piste zum Haus des Vaters. Wenige km vor dem kleinen Dörfchen kommen wir inmitten eines unbesiedelten Landstrichs an einer einsam an der Straße stehenden Buddhastatue vorbei.

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Hier sollte wohl vor vielen Jahre einmal ein Wat entstehen, doch das Geld hat nur für diese Statue gereicht und damit die etwas vor der brennenden Sonne und dem Monsunregen geschützt ist, hat sie noch ein kleines Dach über den Kopf erhalten.

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Dons Vater arbeitet in seinem Alter nur noch wenig. Heute bewacht er lediglich die leer stehenden Häuser in seiner Nachbarschaft, kann aber mangels Besucher nur einige Futter suchende Hunde verjagen, die alle frei herumlaufenden Hauskatzen auf die nächsten Bäume hetzen. Papa Don hat vier Frauen überlebt und zwölf Kinder in die Welt gesetzt.

Ob er wohl deshalb so alt geworden ist? Nein, antwortet mir Don auf meine diesbezügliche Frage, Papa trinkt nicht und Papa raucht nicht. Dabei sieht sie mich sehr vorwurfsvoll, wenn nicht gar strafend an, denn ich bin kein Asket aus dem Isaan. Papa hat auch sein ganzes Leben lang nur Khao, Prick und Vitamin gegessen, (Reis, Thai-Chili und essbare Blätter), ergänzt sie ihre Ausführungen. Damit aber noch nicht genug. Don will es mir ausführlich erklären und daher erfahre ich, dass Papa ja viel an der gesunden Luft in den Reisfeldern war und nie im Leben einen Moo (Doktor) gebraucht hat und sogar noch alle Zähne hat.

Und gearbeitet hat er auch sicher sehr schwer, versuche ich noch eins drauf zu geben. Nein, antwortet Don, die in Gedanken versunken meinen Scherz nicht so richtig mitbekommen hat, nein, gearbeitet hat er nicht viel. Die schwere Arbeit haben immer nur seine Frauen gemacht, Papa hat meistens nur aufgepasst. Mit diesen Worten hat Don einiges auf den Punkt gebracht, wie das Familienleben im Isaan (auch heute noch) abläuft.

Da der Phuu ja Ban, der Dorfbürgermeister, Dons Geburt bescheinigen soll, geht es zu seinem Haus. Er ist nicht anwesend und muss gesucht werden. Wir fahren deshalb durch ein kleines Wäldchen zu den Reisfeldern des Dorfes. Irgendwann geht es nicht weiter und Don mach sich zu Fuß auf den Weg ihn zu suchen. Papa und ich sind währenddessen in der Mittaghitze zur wohltuenden Untätigkeit verurteilt. Ich nutze die Gelegenheit, schieße einige Aufnahmen von der näheren Umgebung und staune über die doch recht kleinen Ähren der Reispflanzen.

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Ein junges Pärchen mit einer Mama auf dem Rücksitz kommt mit einem Motorrad an, hält an und versucht mit mir ins Gespräch zu kommen. Einen Ausländer haben sie hier wohl noch nie gesehen und sind deshalb neugierig. Sie gehören zur Familie und wollen sicher die Mittagspause in ihrem Haus verbringen. Verständlich, die junge Frau ist hochschwanger und hat eine schattige Pause sicher sehr nötig.

Während dessen ich die Leute fotografieren will, wendet sich die Mama ab, sie will nicht mit aufs Bild. Die Geister könnten sicher etwas dagegen haben, denkt sie vielleicht.

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Als ich auf den Auslöser drücke, sehe ich durch den Sucher in der Ferne einen Erdhügel, der einem großen Termitenhügel gleicht. Auch Ihn will ich fotografieren und begebe mich in seine Nähe. Doch schon beim näher Kommen, bemerke ich meinen Irrtum. Termitenhügel können niemals so eine große Öffnung haben und ein blauer, mit irgendwas gefüllter Plastiksack, steht auch nicht bei den Termiten im Isaan herum.

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Wenige Meter vor dem irdenen Ungetüm sehe ich um was es sich handelt. Es ist ein Brennofen, in dem die Reisbauern auf dem Land heute noch ihre Holzkohle selber herstellen. Zwar ist das Abholzen von Bäumen streng verboten, doch wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter und die Brennöfen stehen ja auch alle schön versteckt.

Selbst gebrannte Holzkohle ist bei der einsam wohnenden Landbevölkerung immer noch das billigste und daher beliebteste Brennmaterial. Wie man auf dem unteren Bild unschwer erkennt, ist beim Brennvorgang nicht alles Holz verkohlt. Sicher wird es beim nächsten Brennvorgang noch einmal der Feuersglut ausgesetzt.

Don kommt zurück, ihre Suche war vergeblich. Der Ortsvorsteher arbeitete heute auf einem anderen Feld, welches weit entfernt liegt. Sie ist enttäuscht, es geht ja um ihre Papiere. Ich bin nicht enttäuscht, habe ich doch einige interessante Aufnahmen machen können, mit dem ich diesen Bericht etwas illustriere.

Mehrmals im Jahr zieht es meine Frau Don hinaus aufs Land, wo sie geboren ist und ihr fast 90jähriger Vater wohnt. Papa Don, wie er von mir genannt wird, hat angeblich sein Leben lang nicht geraucht und nicht getrunken. Da ich aber vermute, dass er bei seiner großen Kinderschar von immerhin 10 überlebenden Kindern nie Geld übrig hatte um einem dieser Laster anheim zu fallen, setzte ich die Probe aufs Exempel.

Da Don einige Kilo Bratwurst, gekochten Schinken und einige Kilo Obst für ihre Familie kauft, nehme ich ein Flasche selbst angesetzten Kräuterschnaps mit. Papa Don, der nur noch wenig am Familienleben teilnimmt, probiert etwas davon und umgehend strahlt sein Gesicht wie die aufgehende Sonne. Dann greift er sich die Flasche und verschwindet klammheimlich in seiner Behausung.

Eine halbe Stunde später erscheint Don mit zornigem Gesicht bei mir und überschüttet mich lautstark mit einem Schwall voller Vorwürfe. Papa hat unbemerkt die halbe Flasche ausgetrunken und ist sanft entschlummert. Don meint aber, er ist ohnmächtig und sie hat Angst er müsste jetzt sterben. Klar, Papa hat so etwa 65 kg, ist kein Alkohol gewöhnt, hat wenig gegessen und ist in der großen Mittagshitze eingeschlafen. Nichts ist also mit Exitus, nach einer Stunde ist Papa auch schon wieder wach, doch seine Töchter haben seinen köstlichen Trunk vorsorglich konfisziert und Papa ist unwirsch. Ich aber grinse unverschämt, denn jetzt kann Don mir ihren geliebten Vater nie wieder als leuchtendes Vorbild präsentieren.

Papa Don wird von Dons Schwester und deren Tochter versorgt. Der Mann und Vater ist entweder schon gestorben oder verschwunden. Bisher habe ich mangels Sprachschwierigkeiten jedenfalls nicht erfahren, was da Sache ist. Weiter ist da noch ein junger Mann im Haus, der bei unseren Besuchen immer unbeachtet teilnahmslos beiseite sitzt. Er ist mongolid und kann nicht sprechen. Nur sein manchmal aufmerksamer Blick zeigt, dass er zumindest etwas vom Geschehen um ihn herum wahrnimmt. Die Familie hält sich von ihm auf Distanz und lediglich wenn alle anderen gegessen haben, erhält er wortlos einen gefüllten Teller und ein Glas Wasser um seinen Hunger und Durst zu stillen.

Bei entsprechender Zuwendung währe er vielleicht nicht so zurück geblieben, doch da seine Angehörigen in lediglich mit Speis, Trank und Kleidung versorgen, ist er das arme Menschenkind geblieben, als das er geboren wurde. Wer seine Eltern sind, konnte ich bislang nicht erfahren. Selbst Don sagt mir nichts. Später, sagt sie zu mir und damit ist die Sache für sie abgetan.

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Zur weiteren Familie gehören auch zwei oder drei Schwestern, die im Dorf wohnen, sowie Dons Nichte, die bei ihren Schwiegereltern im Nachbardorf wohnt. Doch die werden heute nicht besucht. Da aber jedes Mal wenn wir hier eintrudeln die Buschtrommel in Funktion tritt, erscheinen sie alle und harren der Dinge, die da kommen müssen. Das sind primär die leckeren Sachen, die es hier nicht gibt und die sich diese einfach lebenden Menschen auch nicht leisten könnten.

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Zum gemeinsamen Essen auf der Sitzmatte steuert die Familie auch zu, was sie hat. Das ist Reis, rohes Grünzeug, Chilipaste und Wasser. Cola bringen wir nicht mit, doch Don rückt immer etwas Geld raus, damit die Nichte mit ihrem Motorrad einige Flaschen und dazu Eiswürfel in dem einzigen Laden am Ort holen kann.

Heute muss ich auf dem Weg hierher unterwegs anhalten, damit Don noch etwas einkaufen kann. Geheimnisvoll lächelnd erscheint sie dann mit einer großen Tragetasche in der, wie sich später herausstellt, so an die zwei kg Hühnerfüße sind. Wohlgemerkt, nur die Füße, an denen nur die Krallen entfernt worden sind. Ich bin entsetzt, doch als ich sehe, mit welcher Freude und Begeisterung die Familie sich an dieser Knabberei ergötzt, verkneife ich mir die bitteren Vorwürfe, die ich meiner lieben Don eigentlich machen wollte.

Heute ist auch Dons Tochter mit aufs Land gefahren. Als sie zu uns ins Auto klettert, ist sie voll behangen mit Plastiktaschen. Die sind voller gebrauchter Kleider, die scheinst unmodern geworden oder schon etwas abgetragen sind. Eine willkommene Gabe für ihre Cousine, deren einzige Jeans über Nacht trocknen muss, damit sie am nächsten Tag wieder angezogen werden kann.

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Sie hat auch mehrere Liter Milch für ihre Cousine gekauft, denn die stillt derzeit noch ihr Baby und kann die Kraftnahrung daher gut gebrauchen. Nicht nur die Cousine strahlt als ob Weihnachten währe, auch die ganze Familie freut sich mit ihr über die aus ihrer Sicht reichlichen Geschenke.

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Ja, um das Baby kümmert sich immer jemand, der gerade etwas Zeit hat, derweil die Mutter den Abwasch erledigt.

Papa Don, der auch unbedingt was Gutes tun will, bietet zum wiederholten male meiner Liebsten ein Grundstück an, damit sie ein Häuschen darauf bauen kann. Zum wiederholten Maße schaut mich Don fragend an und als ich zum wiederholten Maße meinen Kopf ablehnend schüttele, bedankt sie sich zum wiederholten Maße ablehnend bei ihrem groszügigen Vater.

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Hier bauen, das würde bedeuten, dass ich hier mit den mageren Hühnern leben müsste und das ist mir unmöglich. Hier, am Rand der Welt wo man nur über 10 km Schlagloch übersäter Schotterstraßen hin gelangt, wo es kein halbwegs vernünftiges Geschäft und Restaurant gibt, wo es statt einem Arzt lediglich einen Wunderheiler gibt, der beim Licht brennender Kerzen Sprüche murmelnd und Wasser um sich spuckend die Wehwehchen zu vertreiben sucht, hier, wo es keine Wasserleitung, keine Kanalisation und die moderne Zivilisation gibt, hier draußen, wo der kleinste Fortschritt mit zugehaltenen Augen vorbeigegangen ist, da will ich nicht wohnen. Don versteht mich, denn sie selbst lebt schon viele Jahre in Korat, der wohl am besten strukturierten Stadt im Isaan.

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Was ich aber nicht verstehe, dass sind die vielen Farang, deren thailändische Frauen sie überredet haben mit ihr in das Dorf ihrer Eltern zu ziehen. Sicher, soweit sie noch rüstig sind, können sie sich als Farmer betätigen, Rinder züchten, Zuckerrohr anbauen, einen Fischweiher anlegen oder sich sonst irgendwie sinnvoll betätigen. Doch was sie nicht können, das ist die große Kluft zwischen Armut und Reichtum zu überbrücken.

Mögen sie auch ein relativ geringes Einkommen haben, sie sind immer noch bedeutend reicher, als die hier in Hütten wohnenden Einheimischen. Mit denen müssen sie zusammenleben, müssen mit ihnen sprechen und jeden Tag ihre Nöte mit ansehen.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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