Dorfgeschichte 1

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koratwerner (†2012)
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Dorfgeschichte 1

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Do Aug 07, 2008 5:23 pm

Voll ins Fettnäpfchen

Mein Freund Helmut wohnt schon seit vielen Jahren in dem kleinen Dörfchen Ban Hua Bong im Amphoer Nong Thai, also mitten im Isan. Warum seine Stieftochter Saraphi und damit auch beinahe die ganze Familie das Gesicht verloren hätten, liegt an der Schwatzsüchtigkeit, die den Frauen wohl schon in der Wiege mitgegeben worden ist.

In den Dörfern des Isan gibt es so etwas wie eine Buschtrommel. Sobald es irgendwo eine Neuigkeit gibt, die interessant zu sein scheint, dringt die Nachricht umgehend bis in die kleinste Hütte. So ließ es sich nicht verheimlichen, dass die 16 jährige Nachbarstochter des Exbürgermeisters, der vor wenige Wochen abgewählt wurde, schwanger ward.

Schon an der Schande, dass der Bürgermeister abgewählt wurde, trugen er und seine Familie sehr schwer. Dass jetzt auch noch die 16 jährige Tochter schwanger ist, sollte deshalb unter allen Umständen verheimlicht werden. Niemand sollte davon erfahren um darüber spotten zu können. Doch wie das nun einmal so ist. Irgendjemand aus der Familie konnte seinen Mund nicht halten und schon wusste das ganze Dorf davon.

Schadenfreude ist die reinste Freude und deshalb wurde das Pech des Exbürgermeisters genüsslich breit getreten und jeder wartete darauf, was jetzt wohl passieren würde. Die einen tippten auf eine baldige Heirat, andere meinten, eine Heirat komme nicht in frage und wieder andere mutmaßten, die werdende Mutter würde in die Anonymität der Stadt zu ihrem Onkel nach Korat übersiedeln.

Da Helmuts Tochter Saraphi und die Tochter des Exbürgermeisters die gleiche Schule in der Kreisstadt besuchen, viel es Saraphi auf, dass das junge Mädel mehrere Tage nicht mit ihr im Schulbus saß, eines Tages jedoch mit einer Reisetasche an der Hand in der Kreisstadt in den Bus kletterte, um in ihr Dorf zu fahren. Wo warst du denn solange, fragte sie das Nachbarskind. In Bangkok, erhielt sie als Antwort. Na und, Kind jetzt weg, hinterfragte Saraphi, worauf das Nachbarskind beleidigt aufstand und den Platz wechselte.

Zuhause angekommen, wurde alsbald mein Freund Helmut von lautem Geschrei aus dem Nachbarhaus, aus seinem Nachmittagsschlaf gerissen. Dann stürmte die beinahe werdende Großmutter wutentbrannt aus dem Haus und verschwand in der Wohnung des neuen Bürgermeisters. Umgehend drang von dort aus neues Geschrei und Gezeter bis in die umliegenden Häuser, so das jeder erahnen konnte, dass da ein riesengroßer Streit ausgetragen wurde.

Neugierig geworden verließen die Menschen ihre Behausungen und versammelten sich, der kommenden Dinge harrend, vor dem Haus des neuen Bürgermeisters. Alsbald stürmte die Frau des Exbürgermeisters mit versteinertem Gesicht an der wartenden Dorfbevölkerung vorbei, verfolgt von der Freu des neuen Bürgermeisters, wieder heim in ihre Behausung. Hier ging der Streit weiter und wieder wartete die Menge, was jetzt passieren würde.

Nach etwa einer viertel Stunde erschien dann die Frau des neuen Bürgermeisters und enterte die Wohnung meines Freundes Helmut. Der erfuhr jetzt, was nun eigentlich los war. Hatte doch seine Stieftochter nichts ahnend ausgeplaudert, dass das ganze Dorf von der Schwangerschaft wusste, was doch niemand wissen sollte.

Doch nicht sie ist Schuld an dem Dilemma, sondern die Frau des neuen Bürgermeisters, weil sie angeblich davon erfahren und breitgetreten hat, um den alten Bürgermeister eins auszuwischen und seinen angekratzten Ruf noch weiter zu ruinieren.

Langsam aber stetig versammelt sich in der nächsten Stunde die Sippschaft beider Familien und beschimpft sich gegenseitig. Da der Streit zu eskalieren droht, wird die Polizei aus der Kreisstadt herbeigerufen. Die aber erklärt sich nach Anhörung der gegenseitigen Vorwürfe für nicht zuständig. Da sie aber für Ruhe und Ordnung sorgen will, empfiehlt sie den bei solchen Streitigkeiten zuständigen Puu jai baan, den Dorfbürgermeister als Schlichter anzurufen. Der ist aber in diesem Fall Partei und kann infolge dessen nicht tätig werden.

Was tun? Es wird weiter lautstark geschimpft und Vorwürfe fliegen von der einen Gruppe zur anderen und zurück. Das ganze Dorf ist in Aufruhr und weil es da nur zwei Sippen gibt, ist jeder betroffen.

Helmut, der einen kühlen Kopf behalten hat, empfiehlt nun der Polizei doch einmal zu prüfen, ob der nicht zu den betroffenen Sippen gehörende Puu jai baan des Nachbardorfes den Streit zu schlichten gewillt ist.

Ist er. Alsbald machen sich beide Sippen bei der einbrechenden Dunkelheit auf den Weg ins Nachbardorf, wo jede Partei dem Puu jai baan ihren Standpunkt darlegt. Der ist völlig ratlos und schlicht überfordert. Er ist noch ratloser, als die Sippe des Exbürgermeisters Geld als Entschädigung für die erlittene Schmach und Schande fordert. 80.000 Bath soll die andere Sippe bezahlen. Die lehnt natürlich ab, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst.

Auch nach einer Stunde hin und her gibt es kein Aufweichen der verhärteten Front. Sippe eins behauptet, die Tochter des Exbürgermeisters sei nicht schwanger gewesen und hätte dementsprechend auch nicht abtreiben können, alles sei erlogen. Sippe zwei dagegen bleibt dabei, dass die Tochter des Exbürgermeisters doch schwanger war und abgetrieben hat.

Helmut, der inmitten beider Sippen seit Jahren lebt, glaubt an die Schwangerschaft. Während sich die Sippen weiter streiten, zieht er sich mit dem Frieden stiftenden Bürgermeister des Nachbardorfes zurück und empfiehlt ihm sehr weise zu entscheiden, so wie er es ja immer in Streitfällen tun würde. Der schaut ihn fragend an und Helmut erklärt ihm, er würde seine Sippe dazu überreden die geforderten 80.000 Bath zu bezahlen, aber erst wenn eine ärztliche Untersuchung der Städtischen Klinik in Korat bestätigen würde, dass an dem Mädchen keine Abtreibung vollzogen wurde. Was recht ist, muss eben Recht bleiben, ergänzt er seinen Vorschlag.

Alsbald bedeutet der Frieden stiftende Mann den streitenden Sippen ihn anzuhören. Als er erklärt, Sippe 2 müsse die geforderte Summe von 80.000 Bath bezahlen, erhebt sich unter Sippe 1 ein Freudengeheul. Als er weiter erläutert, dass jedoch vorher eine amtliche Untersuchung der mutmaßlichen Mutter erfolgen müsse, versteinern sich die Gesichter der Sippe eins und Sippe 2 beginnt darauf hin genüsslich zu grinsen.

Seit diesem Tag hat der jetzt zweimal gekränkte Exbürgermeister sein Haus nicht mehr verlassen. Gesichtsverlust nennt man das in Thailand, doch die Kluft zwischen den beiden Sippen hat sich vergrößert und die Feinseligkeit wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit überschwappen. Mein Freund Helmut überlegt sich ernsthaft mit seiner Frau und den drei Kindern das untereinander verfeindete Dorf zu verlassen.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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