Ein etwas anderes Silvester

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koratwerner (†2012)
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Ein etwas anderes Silvester

Ungelesener Beitragvon koratwerner (†2012) » Do Aug 07, 2008 5:10 pm

Es ist der 31.12.2007. Für meine Don ist dieser Tag ein Arbeitstag, fast wie jeder andere Tag auch. Doch nur fast. Bereits früh am Morgen wieselt sie leicht aufgekratzt durch die Wohnung und inspiziert unsere Vorräte. Dann packt sie einige der kleinen Spayfläschen, in eine Plastiktüte und dazu einige Spaysiwürstchen. Erstere sind Fläschchen mit einem weinähnlichen Inhalt, die man allenthalben in drei Geschmacksrichtungen kaufen kann. Spaysiwürstchen sind europäische Bratwürstchen, die mit etwas Chili gewürzt sind.

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Für heute ist von den Straßenhändlern, die bei Ya Mo, in der Nähe des Klang Plaza Kaufhauses in Korat ihre Waren feilbieten, eine Party geplant. Doch erst wird verkauft, denn die zumeist jungendliche Kundschaft hat schulfrei und viele der Kinder kaufen heute für ihre Eltern und Geschwister ein Khoong khwan pii mai, ein kleines Neujahrsgeschenk. Auf dem Bild setzt Don gerade ein Pircing.

An ihrem Stand kann Don ihre Getränke und die Würstchen nicht kühl halten. Deshalb wandert die Tüte erst einmal zuhause in den Kühlschrank. Später, wenn die Party anfängt, liefere ich sie dann bei ihr ab.

Als ich alleine bin, kümmere ich mich erst einmal um meinen vor einigen Tagen angesetzten Sauerteig. Der ist bei den warmen Tagestemperaturen schneller gereift, als ich gedacht habe. Die blubbernden Blasen sind ein Zeichen dafür, dass ich heute mein erstes Brot aus Sauerteig backen kann. Gegen Mittag hole ich zwei knusprig gebackene Laibe aus dem Backofen und freue mich über mein gelungenes Werk. Leider schmeckt das Brot nicht ganz so gut, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich habe in Korat kein Roggenmehl auftreiben können. Weizenmehl ist halt weniger gut für die Zubereitung von Sauerteig geeignet. Beim nächsten Versuch gebe ich noch etwas mehr Sauer hinzu, vielleicht auch noch etwas Farbstoff und dann hab ich sicher die Illusion ein deutsches Graubrot auf den Tisch zu haben. Auf jeden Fall hab ich mir selbst auch ein Silvester- und Neujahrsgeschenk gemacht und darüber freue ich mich riesig.

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Der Anruf von Don ist bislang ausgeblieben. Am frühen Nachmittag packe ich ihre Partysachen in den Wagen und fahre in die Stadt. Im Zentrum herrscht reger Verkehr. Ich habe es schwer einen Parkplatz zu finden. Überall wimmelt es vor Menschen, die geschäftig mit Plastiktüten an den Händen umhereilen und noch weitere Einkäufe tätigen.

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Am Straßenrand sitzt der kleine Bettler, ein mongoloider junger Mann, der sonst von den Straßenhändlern gerne verjagt wird. Heute darf er bleiben, denn heute ist Silvester und jeder wünscht ihm, dass die vorbeieilenden Menschen ihm etwas Geld zustecken.

Don und Bo, ihre Tochter, haben alle Hände voll zu tun. Ihr Sortiment besteht heute nicht nur aus Modeschmuck. Bo hat vor zwei Tagen in Bangkok auf dem Großmarkt kleine Püppchen, Stofftierchen, Schlüsselanhänger und Glücksbringer eingekauft, die jetzt reißenden Absatz finden. Als Don jetzt noch zwei junge Leute Piercen kann und sich gut bezahlen lässt, ist die Freude über das gute Geschäft zum Jahresende riesengroß.

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Guck den Papa, sagt Don zu mir und zeigt auf den Wortführer der Straßenhändler, an dessen Verkaufsstand sich auf einem Tischchen eine Menge bunte Paketchen stapeln. Nach und nach wird der Stapel größer, weil fast alle der in der Nähe angesiedelten Händler ein Päckchen abliefern. Papa hat alle Hände voll zu tun, denn auf jedes Päckchen klebt er einen Zettel mit fortlaufender Nummerierung, von wem das Geschenk ist. Dann schreibt er die gleiche Nummer auf einen Kronenkorken und wirft diesen in eine bereit stehende Schachtel.

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Wie kurz vor der Weihnachtsbescherung die Kinder staunend vor dem Gabentisch stehen, finden sich bei Papa immer mehr Erwachsene ein, die freudig erregt und plappernd den immer noch wachsenden Gabentisch bewundern und kommentieren. Auch ich werde von dem erwartungsvollen Fieber mitgerissen. Da ich als Außenseiter nicht dumm herumstehen stehen will, kaufe ich in der nahe liegenden Bäckerei eine Buttercremtorte, lasse sie schön einpacken und beteilige mich so an der kommenden Bescherung.

Allseitig ob meiner Dokumentation der Zugehörigkeit mit einem freundlichen Lächeln belohnt, fotografiere ich, was die Batterien meiner Kamera hergeben. Don freut sich, denn bislang hat sich kein anderer Farang an diesem kleinen Spektakel beteiligt. Nur gestaunt haben einige Touristen darüber, dass sich inmitten der schnatternden Thais ein Farang bewegt, der scheinbar zu diesem Verein gehört.

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Sogar Willi aus Deutschland, der hier oft einen Kaffe oder eine Cola trinkt, schut dem aufgeregten Treiben amüsiert zu.

So gegen fünf Uhr am Nachmittag lassen Don und Bo ihren Stand im Stich und schleppen mich zum Stand von Papa, wo sich jetzt eine große Menschnetraube gebildet hat.

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Papa hält den ihm am nächsten stehenden die Schachtel mit den nummerierten Kronenkorken hin und der mutigste fischt sich einen heraus. Papa nimmt ihm den Korken ab und verkündet lautstark die darauf stehende Zahl, worauf ein lautes Freudengejaule ertönt. Ein Helfer sucht darauf hin aus dem Türmchen der Geschenke die identische Nummer, reicht dieses zum Papa, worauf dieser den Namen des Spenders verkündet.

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Der begibt sich durch die Menge der Zuschauer zu Papa, erhält von ihm sein Geschenk, welches er jetzt mit einem laut gesprochenen Happy pii mai dem Beschenkten überreicht. Darauf hin erhebt sich unter den Zuschauern wieder ein Freudengeheul und unter deren Beifall fängt der Empfänger an, sein Neujahrsgeschenk auszupacken.

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Wie bei jeder anderen ähnlichen Verlosung auch, erhält hier kaum jemand etwas, was er sich vielleicht gewünscht hat. So geht meine große Buttercremtorte an einen Junggesellen, der viel lieber eine Flasche Whisky bekommen hätte. Don bekommt eine Schlafdecke für ein Kinderbett und ich bin jetzt der Besitzer eines bunten Plastik Landrovers Power Speed, um den mich jedes Kind beneidet.

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Ein unbeteiligter Zuschauer könnte annehmen, dass diese kleine Veranstaltung unter den Markthändlern einer Veranstaltung in einem Kindergarten ähnelt. Doch für die Straßenhändler, ob Mann oder Frau, hat das einen positiven Sinn. Viele der Händler sind sich das ganze Jahr über nicht grün, denn der Neid um den besten Standplatz und der Neid darüber, dass jemand Artikel anbietet, die sich besser und gewinnträchtiger verkaufen lassen, als die eigenen, lässt nicht immer eitel Freude aufkommen. Manche von ihnen sich daher spinnefeind geworden sind. Zu Silvester aber sorgt Papa dafür, dass sie sich gegenseitig beschenken, sich ein schönes neues Jahr wünschen und ihre Streitigkeiten vergessen.

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Heute ist also Silvester. Song thaai pii gau, wie die Thailänder sagen und an diesem Tag wird untereinander zwischen den Straßenhändlern bei Ya Mo (vorübergehend) etwas Frieden geschlossen. Viele Leute benutzen sogar die Gelegenheit ihrer Ya Mo noch eine Referenz zu erweisen.

Nach dieser kleinen Feier werden die Verkaufsstände abgebaut und die meisten der Kleinstunternehmer streben ihrer Heimstatt zu. Doch ein harter Kern findet sich beim Einbruch der Dunkelheit wieder zusammen um bei Speis und Trunk noch etwas zu feiern. Don gehört mit dazu und liefert jetzt ihre Getränke und Würstchen an der Stelle ab, wo soeben am Rand der viel befahrenen Straße vor dem Denkmal der Ya Mo einige Tische und Plastikstühle unter den staunenden Augen der immer noch irgend etwas in den Geschäften einkaufenden Menschen aufgestellt werden.

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Yai, einer der Händler, hat schon am Nachmittag Geld gesammelt und auf dem nahe gelegenen Markt Salzfische, Muscheln und gegrillte Hähnchen gekauft.

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Jetzt hockt er genau im Rinnstein, wärmt alles auf zwei kleinen tönernen Töpfen auf glimmender Holzkohle auf und bringt alles nacheinander auf den Tisch. An dem hockt der harte Kern und mittels geschickt gehandhabter Holzstäbchen verschwinden alle Leckerbissen nach und nach in die hungrigen Münder.

Straßenseitig schauen die Insassen der langsam vorbei fahrenden Autos erstaunt diesem Treiben zu. Mancher der über den Bürgersteig eilenden Passanten bleibt erstaunt stehen, denn selbst die an wirklich ungewöhnlichen Partys, an ungewöhnlichen Stellen gewöhnten Thais haben mit Sicherheit nicht erwartet, an dieser hektisch belebten Hauptverkehrsstraße heute auf so eine lustige Gesellschaft zu treffen.

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Von dem aufsteigenden Rauch der Öfchen und von der aus dem gegenüber liegenden Haus schallenden Musik angelockt, erscheint alsbald ein Ordnungshüter, der mit strenger Mine verkündet, dass die Obrigkeit keinesfalls damit einverstanden ist, hier den Verkehr behindernd, einfach eine Party zu veranstalten. Papa beherrscht jedoch die Situation und als er den braven Polizisten einlädt mitzumachen, geht ein Strahlen über dessen Gesicht. Doch seiner Aufgabe als Ordnungshüter gedenkend lehnt er freundlich ab und spielt den Hasen. Er hat nichts gesehen.

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Da jeder der anwesenden Männer nach und nach mit mir, dem sich in ihren Reihen eingeschmuggelten Farang eine mit viel Whisky verdünnte Cola trinken möchte, bin ich nach kurzer Zeit leicht angeschlagen. Irgendwo in einem Hinterhof wartet zudem mein Auto auf mich und mit dem will ich noch 17 km fahren. Nicht wegen dem Whisky, doch wegen einer möglichen Polizeikontrolle verabschieden Don und ich uns dann alsbald von der gastfreundlichen Gesellschaft. Selbstverständlich mit einem Happy Pii mai.

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Don ist immer noch begeistert über ihr Geschenk und nicht ärgerlich, weil der eigentlich von mir geplante Besuch eines Restaurants ausfällt. Ich bin deswegen auch nicht unwirsch oder gar böse. Hab ich doch stattdessen eine mir bislang unbekannte Silvesterparty inmitten fröhlicher Thais feiern können, wie sie wohl kaum ein Farang erlebt hat.
Es ist nicht schwer zu wissen wie man etwas macht,
aber es ist schwer es auch zu tun!

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