Neue deutsche Armut

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KoratCat
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Neue deutsche Armut

Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mi Dez 06, 2006 10:50 am

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STATISTISCHES BUNDESAMT
Über zehn Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze

Zurzeit reden die Deutschen gern vom Aufschwung, doch mitten hinein in die Euphorie platzt das Statistische Bundesamt mit alarmierenden Zahlen: Ein Drittel der Alleinerziehenden lebt unter oder nur knapp über der Armutsgrenze, insgesamt sind rund 13 Prozent der Deutschen arm oder von Armut bedroht.

Berlin - Rund 10,6 Millionen Deutsche rechnet das Statistische Bundesamt zu dieser Kategorie. 1,7 Millionen Betroffene sind Kinder unter 16 Jahren. Besonders schlimm ist die Lage in den neuen Bundesländern: Hier leben rund 17 Prozent der Bevölkerung zumindest an der Schwelle zur Armut, in der alten Bundesrepublik sind es 12 Prozent. Allerdings dreht sich das Verhältnis bei den älteren Menschen um: Von den über 65-Jährigen sind nur elf Prozent der ehemaligen DDR-Bürger armutsgefährdet, im Westen sind es 16 Prozent.

"Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse", erklärte der Vizepräsident des Amts, Walter Rademacher, in Berlin bei der Präsentation der Erhebung. Vier von zehn Arbeitslosen seien armutsgefährdet, ebenso ein Viertel der Menschen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung, aber nur fünf Prozent der Erwerbstätigen. Auch Alleinerziehende seien besonders oft kurz davor, in die Armut abzurutschen. Knapp ein Drittel von ihnen lebt unter der kritischen Grenze von 60 Prozent des Durchschnitts-Einkommens. Besser sieht es bei Familien mit zwei Elternteilen aus: Hier liegt die Armutsgefährdungsquote bei sieben Prozent bei einem Kind und zwölf Prozent, wenn drei und mehr Kinder da sind.

Die Betroffenen müssen sich teils gravierend einschränken, wie eine Selbsteinschätzung zeigt. 56 Prozent gaben an, dass sie sich eine einwöchige Urlaubsreise pro Jahr nicht leisten können, bei den übrigen Befragten waren dies nur 16 Prozent. Auch in punkto Gesundheitskosten, die 2004 durch die Praxisgebühr und Hinzuzahlungen gestiegen sind, macht sich ein Gefälle bemerkbar. Bei den Armutsgefährdeten gaben 22 Prozent an, schon ein Mal aus finanziellen Gründen nicht zum Arzt oder Zahnarzt gegangen zu sein, bei den nicht Gefährdeten waren es nur sieben Prozent.

Die Statistik, auf der die Erhebung basiert, wird seit 2005 in allen EU-Ländern sowie in Norwegen und Island erhoben. Sie bietet erstmals vergleichbare Daten zu Armut und Lebensbedingungen. Im Vergleich mit den anderen EU-Staaten steht Deutschland in punkto soziale Ausgrenzung dabei allerdings noch recht gut da: So gibt es etwa in Frankreich, Italien, Spanien, Belgien sowie Griechenland, Irland und Portugal teils wesentlich schlechtere Armutsquoten. Besser sieht es indes in Dänemark, Finnland, Luxemburg und Schweden aus; in diesen vier Ländern beträgt die Quote elf Prozent.

Derzeit sind allerdings noch keine Daten für das Erhebungsjahr 2005 verfügbar, die heute vorgestellten Berechnungen basieren ebenfalls auf Zahlenmaterial von 2004. Als arm gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, in Deutschland also weniger als 856 Euro monatlich. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Obergrenze bei 1798 Euro.

Quelle: Der Spiegel v. 5. Dez. 2006
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,452623,00.html
Zuletzt geändert von KoratCat am Mo Dez 18, 2006 10:26 am, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: An oder in der neuen deutschen Armut

Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mi Dez 06, 2006 11:33 am

<img align="left" src="http://www.spiegel.de/img/0,1020,743055,00.jpg">

GROTESKE UNGLEICHHEIT
Halbe Menschheit besitzt nur ein Prozent des Global-Vermögens

Die Zahlen der neuen Uno-Studie sind erschütternd, obwohl jeder das Problem kennt: Die ärmere Hälfte der Menschheit besitzt insgesamt nur ein Prozent des globalen Gehalts- und Immobilenvermögens. Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens ist in der Hand von zwei Prozent der Weltbevölkerung.

London - Betrachtet man die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, so besitzen diese Menschen sogar 85 Prozent des gesamten Immobilien- und Gehaltsvermögens. "Die Superreichen sind noch grotesk reicher geworden als sie es vor 50 Jahren waren", erklärte Anthony Shorrocks, Direktor des World Institute for Development Economics Research (Wider) der Uno, heute. Würde die Weltbevölkerung auf zehn Menschen reduziert, hieße eine solche Besitzverteilung, dass ein Mensch 99 Dollar besäße und die restlichen neun zusammen einen Dollar.


Getty Images
Rikscha-Fahrer in Kalkutta: "Die Superreichen sind noch grotesk reicher geworden"
Auch geographisch ist der Wohlstand höchst ungleich verteilt, heißt es in der Studie weiter, die die erste weltweiten Untersuchung zu dem Thema darstellt. "Das Vermögen ist sehr stark in Nordamerika, Europa und einigen asiatisch-pazifischen Ländern mit hohen Einkommen konzentriert. Die Menschen in diesen Ländern verfügen gemeinsam über nahezu 90 Prozent des gesamten Besitztümer", so das Ergebnis.

Mehr als die Hälfte der Menschen, die zu dem reichsten Prozent der Erdbevölkerung gehören, leben in Nordamerika oder den Vereinigten Staaten. "Die USA und Japan stechen heraus, weil dort viele Menschen leben. Auch in der Schweiz und in Luxemburg ist der durchschnittliche Reichtum sehr groß, aber die Bevölkerungen sind sehr klein", sagte Shorrocks.

In Japan lag der durchschnittliche Besitz bei 181.000 Dollar pro Kopf, in den Vereinigten Staaten bei 144.000 Dollar. Mit einem Besitz von netto 2200 Dollar gehört ein Erwachsener der Studie zufolge zur reicheren Hälfte der Menschheit. Am unteren Ende der Liste standen Länder wie die Demokratische Republik Kongo und Äthiopien, wo das Vermögen unter 200 Dollar pro Kopf liegt. Die Studie beruht zwar auf Zahlen aus dem Jahr 2000, doch ein aktueller Vergleich dürfte die Daten bestätigen.

Quelle: Der Spiegel v. 5. Dez. 2006
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,452739,00.html

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Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mo Dez 18, 2006 9:48 am

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Quelle: F.A.Z. v. 18. Dez. 2006

Also die "Mitte" ist in den letzten 15 Jahren nur wenig "ärmer" geworden. Aber unter der Mitte, die "untersten 40 %, erzielen nur noch 23,5 % des Gesamteinkommens, runter von 23,9 %. Und wie könnt's denn anders sein: die Reichen (oberstes Fünftel) haben kräftig zugelegt. :x

Die Angst ist doch vielmehr, nicht reicher zu werden denn ärmer. Radfahren hat sich doch schon immer bewährt. :wink:

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Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mo Jan 29, 2007 10:00 pm

Gehaltsstudie: Inflation frisst Lohnerhöhungen auf

Was für eine Pleite! Viele Angestellte mussten im vergangenen Jahr trotz Gehaltserhöhung draufzahlen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes stiegen die Preise 2006 stärker als Tariflöhne und Gehälter.

Wiesbaden - Angestellte verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt 1,2 Prozent mehr als 2005 - das war der geringste Zuwachs seit 1995 - und Arbeiter 1,5 Prozent mehr, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte.

Die Verbraucherpreise kletterten dagegen um 1,7 Prozent. Ähnlich war die Entwicklung bereits 2005. Während die Preise um zwei Prozent zulegten, erhöhten sich die tariflichen Monatsgehälter der Angestellten im Schnitt um 1,3 Prozent und die Stundenlöhne der Arbeiter um 1,2 Prozent.

Sehr unterschiedlich war im vergangenen Jahr allerdings die Entwicklung in den einzelnen Branchen. Angestellte im Bereich Eisenbahn konnten sich über ein deutliches Gehaltsplus von 4,5 Prozent freuen. Im Schienenfahrzeugbau gab es 3,8 Prozent mehr Geld. Mit einem Plus von 1,9 Prozent lag der Anstieg bei den Beschäftigten im Metallgewerbe ebenfalls über der Inflationsrate.

Deutlich geringere Tariferhöhungen gab es in der Energieversorgung mit plus 0,8 Prozent und im Einzelhandel mit plus 0,4 Prozent. Gar keine Tariferhöhung erhielten Angestellte bei Bund, Ländern und Gemeinden.

Überdurchschnittliche Tariferhöhungen bekamen Arbeiter im Luft- und Raumfahrzeugbau (4,8 Prozent), in der Büromaschinenherstellung (3,7 Prozent) sowie im Maschinenbau (3,3 Prozent) und im Metallgewerbe (3,2 Prozent). Ein nur geringes Plus von jeweils 0,8 Prozent gab es bei den Stundenlöhnen im Bergbau und Holzgewerbe sowie im Druckgewerbe mit 0,5 Prozent.

Ein Minus von 0,8 Prozent mussten die Arbeiter im Baugewerbe hinnehmen, bei Bund, Ländern und Gemeinden sanken die Tariflöhne um 0,2 Prozent. Dies sei auf die Erhöhung der Wochenstunden ohne Lohnausgleich zurückzuführen, erklärte das Bundesamt.

Die Gehaltsentwicklung dürfte den Gewerkschaften neue Nahrung in der anstehenden Tarifrunde geben. "Die Arbeitnehmer haben in den vergangenen Jahren erhebliche Einbußen beim Realeinkommen hinnehmen müssen", sagte Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Das erkläre auch die schwache Binnenkonjunktur. Nun sei es wieder an der Zeit, dass sich die Lohnerhöhungen an der Produktivität orientieren. "Gesamtwirtschaftlich sind unter Berücksichtigung der Inflationsrate zwischen drei und 3,5 Prozent drin", sagte Horn. "Wir haben seit über zehn Jahren nur moderate Lohnzuwächse, und die Arbeitslosigkeit ist trotzdem gestiegen."

Kräftige Lohnsteigerungen erhöhen dagegen nach Einschätzung des Essener RWI das Risiko, dass der Aufschwung abbricht. "Die Wirtschaft muss erst einmal die Mehrwertsteuererhöhung verkraften", sagte Torsten Schmidt, Konjunkturexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Statt üppiger Lohnerhöhungen wäre es wichtiger, mehr Leute in Beschäftigung zu bringen, damit sie selbst Geld verdienen und die Arbeitslosigkeit sinkt.

Quelle: Spiegel online v. 29. Jan. 2007
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,462848,00.html

Mir kommen echt die Tränen zu hören, dass es statt Lohnerhöhungen geringe Reallohneinbußen gab in den letzten zwei Jahren. Ich kann mich schon fast gar nicht mehr erinnern, wann den Alters- und Unfallrenten 'ne winzige Erhöhung weit unter der Inflationsrate zuteil wurde. Sicher kann die Wirtschaft nicht aufwärts gehen, wenn man denen, die ihr Geld im vollen Umfang "auf die Kante hauen müssen", weil's eh zuwenig ist, immer mehr Kaufkraft durch Einbußen der Realrente nimmt. :evil: Das verfügbare Einkommen der Arbeitnehmerhaushalte ist jedes Jahr gestiegen. Die Inflation erwischt aber auch die, die keine Einkommenserhöhungen verzeichnen konnten. Und dann bleibt der Konsum aus mit allen negativen Folgen . . .

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Ungelesener Beitragvon KoratCat » Fr Feb 09, 2007 10:14 am

ÜBERSCHULDUNG
Jeder zehnte Erwachsene ist pleite

Es ist ein trauriger Rekord: Beim Schuldenmachen sind die Deutschen Europameister. Laut einer Studie können 7,2 Millionen Bundesbürger ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Jeder zehnte Erwachsene ist damit pleite.

Düsseldorf - Trotz der konjunkturellen Erholung ist die Zahl der Verbraucherinsolvenzen im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform meldeten 121.800 Bundesbürger privat Konkurs an - 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Gemessen an der Zahl der überschuldeten Bundesbürger seien die Verbraucherinsolvenzen aber nur der Spitze des Eisbergs.

Zahlungsaufforderung: Nur in Großbritannien melden mehr Privatleute Insolvenz an als in Deutschland
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DDP

Zahlungsaufforderung: Nur in Großbritannien melden mehr Privatleute Insolvenz an als in Deutschland
Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten haben in Deutschland besonders viele Verbraucher Insolvenz angemeldet. Im vergangenen Jahr wurden in der Bundesrepublik 15 Insolvenzen pro 10.000 Einwohner gezählt. Nur Großbritannien hatte unter insgesamt sieben untersuchten Staaten eine noch höhere Insolvenzquote. In Norwegen, Schweden, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden lag die Quote darunter.

Die Experten von Creditreform beobachten inzwischen sogar einen Schuldentourismus, bei dem die Schuldner in andere Länder ausweichen, wo die Entschuldung einfacher ist als in Deutschland - etwa nach Frankreich. Einige Privatschuldner zögen auch deshalb in ein anderes Land, um sich Forderungen zu entziehen, hieß es.

Ursachen für die Überschuldung seien meist Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit aber auch zu hohe Kreditverpflichtungen, berichtete Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Gerade junge Leute hätten häufig nicht gelernt, mit ihrem Geld umzugehen.

Deutliche Unterschiede gibt es zwischen West- und Ostdeutschland. In den neuen Bundesländern hat die Mehrheit der überschuldeten Privathaushalte Schulden unter 10.000 Euro. In den alten Bundesländern liegt die Summe in der Regel zwischen 10.000 und 25.000 Euro. Auch 2007 rechnet Creditreform mit einem weiteren Anstieg der Privatpleiten.

Quelle: Der Spiegel v. 8. Febr. 2007
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,465302,00.html

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Re: Neue deutsche Armut

Ungelesener Beitragvon KoratCat » So Feb 18, 2007 11:51 am

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DEUTSCHE MILIEUS
Das alte und neue Unten


Von Franz Walter

Prekariat, Unterschicht: In Deutschland wird wieder über Klassenzugehörigkeit diskutiert. Doch so klare Trennungen einzelner Gruppen gibt es gar nicht mehr. Heute reden Wissenschaftler über Milieus - und sehen dabei bedrohliche Veränderungen.


Moderne Analysen von modernen Gesellschaften handeln meist nicht mehr einfach von Schicht und Klasse, von religiöser Zugehörigkeit oder Geschlecht. Natürlich, in den Wahlanalysen der einschlägigen Institute geht es noch auf diese Weise zu, da man die Anteile nach Arbeitern, Angestellten, Selbständigen, Rentnern, Arbeitslosen und Menschen in der Ausbildung aufzulisten pflegt. Doch mindestens für ihre langfristigen "Projektplanungen" greifen Parteizentralen bevorzugt auf die allerdings recht teuren Milieuanalysen zurück, die tiefer und kulturell differenzierter in die heterogenen Lebenswelten der Gesellschaft hineinzudringen versprechen.

Das begann bereits Ende der siebziger Jahre mit den sogenannten Sinus-Milieus, die sich anfänglich insbesondere die Sozialdemokraten für indes nicht ganz so erfolgreiche Zielgruppenwahlkämpfe in den achtziger Jahren zunutze gemacht hatten. Seither hat das Sinus-Modell (heute: Sinus Sociovision) das Feld der politischen Kampfbahn längst verlassen, ist zum Instrument der Markt- und Konsumentenerforschung für Firmen, Medien und Marketingbüros geworden. In der akademischen Soziologie ist die zwischenzeitliche Kultur- und Lebensstileuphorie zuletzt zwar merklich abgeflaut, aber als bereichernde Ergänzung klassischer Sozialstrukturerhebungen gelten die Milieuanalysen auch dort nach wie vor. Schauen wir also hin, was die Archäologen gegenwärtiger deutscher Lebenswelten zu Tage gefördert haben.

Seit 2001 geht das Sinus-Sociovisions-Institut von folgenden zehn Milieus in Deutschland aus:

1. Traditionsverwurzelte
2. Konservative
3. DDR-Nostalgiker
4. Etablierte
5. Bürgerliche Mitte
6. Konsummaterialisten
7. Postmaterielle
8. Moderne Performer
9. Hedonisten
10. Experimentalisten

Aufstieg aus dem Souterrain der Gesellschaft

Die Prägung des ersten Milieus, der Konservativen, liegen lange zurück; die formative Phase des letzten Milieus, der Experimentalisten, ist gewissermaßen gegenwärtig, liegt in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts. Natürlich lässt sich über Sinn und Unsinn einzelner Bezeichnungen streiten; Begriffe wie "Performer" und "Experimentalisten" muss fraglos nicht jeder mögen.

Andere Institute kommen zu anderen Etiketten, fügen vergleichbare Personengruppen ein wenig anders kollektiv zusammen. TNS - Infratest beispielsweise hat für die aufsehenerregende Studie über Deutschland im Reformprozess neun Milieus ausgemacht und mit folgenden Namen ausgestattet:

1. Abgehängtes Prekariat (8 %)
2. Autoritätsorientierte Geringqualifizierte (7 %)
3. Selbstgenügsame Traditionalisten (11 %)
4. Bedrohte Arbeitnehmermitte (16 %)
5. Zufriedene Aufsteiger (13 %)
6. Engagiertes Bürgertum (10 %)
7. Kritische Bildungselite (9 %)
8. Etablierte Leistungsträger (15 %)
9. Leistungsindividualisten (11 %)

Nehmen wir zunächst das untere Drittel der sozialen Schichtung in den Blick. Dort sind in den aktuellen Sinus-Expertisen drei Milieus angesiedelt: Die Hedonisten mit 11 Prozent der Bevölkerung, die Konsummaterialisten mit ebenfalls 11 Prozent und schließlich die Traditionsverwurzelten zu denen stattliche 14 Prozent der Bundesbürger zu zählen sind. In der osmotischen Struktur dieses Milieumodells allerdings sind Übergänge zu beziehungsweise Überlappungen mit höheren, auch anderen Schichtungsgruppen möglich. Für einen kleineren Teil der Traditionsverwurzelten trifft das zu, da sie materiell eine Mittelschichtposition einnehmen. Die Traditionsverwurzelten - bei den Kollegen von TNS Infratest als "Autoritätsorientierte Geringqualifizierte" beziehungsweise "Selbstgenügsame Traditionalisten" firmierend - bilden von den unteren Lagen in historischer Prägeperspektive das älteste Milieu. In deren Sozialisationszeit, den fünfziger Jahren, war die Aufstiegsorientierung noch ein prägendes Muster für die lebensgeschichtlichen Zukunftsbemühungen; und eine bemerkenswerte Anzahl von strebsamen Menschen aus den Souterrains der Gesellschaft ist in den mittleren Etagen der sozialen Hierarchie angekommen. In den historisch neueren Unten-Milieus ist der Drang nach Aufstieg durch langfristig angelegte Leistungsanstrengungen erheblich geringer vorfindbar.

Angst vor "Sittenverfall" und "Überfremdung"

In der Tat, die Wertedifferenzen zwischen den eben zu ganz verschiedenen historisch-qualitativen Zeiten sozialisierten Unten-Milieus sind beträchtlich. Die Traditionsverwurzelten sind in der Adenauer-Ära groß geworden, als sich die Deutschen aus den Hungerjahren der Kriegs- und Nachkriegszeit allmählich in die Wohlständigkeit emporgearbeitet hatten. Diese Generation des Wiederaufbaus hängt seither stabilen Ordnungs- und Pflichtwerten an, gibt sich insgesamt bescheiden, pflegt eine hohe Anpassungsbereitschaft gegenüber den herrschenden Machtverhältnissen. Die meisten traditionsverwurzelten Menschen befinden sich mittlerweile im Rentenalter, möchten gern den Ruhestand genießen, fürchten aber vor dem Hintergrund der langen ökonomischen Depression und Sparreformen empfindliche Abstriche am Lebensstandard, den sie zuvor durch harte Arbeit und sparsame Lebensführung erreicht hatten. Kürzungen der Ruhestandszahlungen, der Anstieg von Energie- und Gesundheitskosten haben viele zuletzt materiell in die Enge getrieben. Sorge ist daher in dieser Lebenswelt virulent. Ängste vor "Sittenverfall" und "Überfremdung" grassieren. Mit der neuen Technik kommt man nicht zurecht, am sichersten fühlt man sich in den eigenen vier Wänden.

Doch ganz und gar unaktiv und gemeinschaftswidrig ist das "alte Unten" keineswegs. Traditionsverwurzelte werkeln, da zeitreich im Ruhestand, unaufhörlich am Haus und im Garten, sind in ihrer überschaubaren Lokalgemeinschaft durchaus gesellig und gemeinnützig tätig, treffen sich mit Nachbarn und (früheren) Kollegen, gehören oft der Freiwilligen Feuerwehr an, der Schützenkompanie, einem Kleintierzüchterverein, dem Sportclub, dem Pfarrgemeinderat. Das traditionelle Kleine-Leute-Milieu war und ist selbstdisziplinierter als die moderne Unterschicht, hatte und hat für den eigenen Nahbereich noch einen Begriff von Zukunft, ist enorm familiär, am Fortkommen von Kindern und Enkeln interessiert.

Die formative Phase der Konsummaterialisten lag demgegenüber eine oder auch zwei Dekaden später. Entbehrung, Sparsamkeit, Bescheidenheit markierten nicht mehr den Trend, sondern Individualisierung, auch Genuss, gleichsam Cash und Konsumtion. Das Geld wurde rasch für die flott wechselnden Angebote der elektronischen Unterhaltungsindustrie ausgegeben. Auch Autos spielten eine erhebliche Rolle im vorzeigbaren Konsumtionsverhalten. Als Problem allerdings wuchs sich mehr und mehr heraus: Die Schere zwischen dem, was man in dieser Lebenswelt für den Konsum begehrte, und den finanziellen Möglichkeiten, die gerade hier seit einigen Jahren höchst begrenzt nur noch existierten, öffnete ich zunehmend. Etliche landeten in der Verschuldungsfalle. Die Folge waren und sind Frustrationen und Misanthropie. Als Ventile für solcherlei Missbehagen müssen nun Ausländerfeindlichkeiten und Abgrenzung gegen Randgruppen herhalten. Bei den Männern dieses Milieus sind Wut und Aggression zuletzt erheblich gewachsen, auch die (latente) Bereitschaft zum Protest. Doch kann man ebenfalls Verwahrlosung und Fatalismus in weiten Teilen dieser Lebenswelt beobachten.

Gemeinsames Gefühl: Unter die Räder gekommen

Fast schon wie ein zweieiiger Zwilling der konsummaterialistischen Gruppe wirkt der hedonistische Lebenskreis, das dritte unterschichtige Milieu im diesem Sample. Zu einem guten Teil verlief die Prägung auch in ähnlichen Zeiträumen unter vergleichbaren Umständen auf Basis affiner Orientierungen. Die Hedonisten sind allerdings noch ein Stück moderner, in ihren Bedürfnissen und Enttäuschungen eine Nuance rigider, ja aggressiver. Ihre Erfahrungsfolie waren insbesondere die spaßgesellschaftlichen Jahre. Fun and Aktion bildete lange so etwas wie ihr Lebensmotto, das man der trägen Ruhe- und Sicherheitsbefindlichkeit der "Spießer" aufreizend entgegenstellte. In einigen Teilen haben unbekümmerte Konsum- und Erlebnissucht während der Krise gar noch zugenommen. Doch gerade unter älteren Hedonisten sind neuerdings ebenfalls Wünsche nach Konstanz und Kontinuität erkennbar. Die soziale Krise hat auch hier Verunsicherung, Besorgnis, mehr noch: Verbitterung ausgelöst. Als Kanalisation für die Wut dienen ebenfalls ausländerfeindliche Emotionen und Stigmatisierungen von Randgruppen. Das vereint, so auch das Ergebnis der Analyse von TNS Infratest, die "Autoritätsorientierten Geringqualifizierten", "Selbstgenügsamen Traditionalisten" und das "Abgehängte Prekariat". Der Internationalismus der alten Arbeiterbewegung ist aus den neuen, von der Sozialdemokratie kulturell allein gelassenen Unterschichten, wie es scheint, gründlich verschwunden.

Kurzum: die drei Milieus in den unteren Bereichen der gesellschaftlichen Rang- und Sozialordnung differieren durch Sozialisation ihrer Zugehörigen in verschiedenen Zeitkontexten nicht unerheblich. Doch eint sie das Grundgefühl, in der ökonomischen Dynamik unter die Räder zu kommen, zu den Abgehängten und Ausgeschlossenen der Modernisierung zu gehören. Positive kollektive Entwürfe für eine bessere gesellschaftliche Zukunft finden sich dort nicht; auch lassen sich solidarische Organisationsformen vor allem in den jüngeren Lebenswelten der Underclass kaum mehr erkennen. Dafür stößt man eben auf die schlechten Kompensate ethnozentristisch begründeter Ab- und Ausgrenzungsmentalitäten.

Doch wendet sich die Missstimmung bei einem Teil überdies noch gegen die "Bonzen" oben in der Gesellschaftspyramide. Zunächst in der Hedonistengruppe, nun auch bei den Konsummaterialisten deutet sich - im Unterschied zu anderen, eher fatalistisch grundierten Unterschichtmilieus - eine auffällig gewachsene Bereitschaft zur aktiven Gewalt an. Hier - übrigens ebenfalls bei den eher akademischen Angehörigen der Generation Praktikum aus der Welt der Mittelschichten - ist die Zahl derjenigen, die Gewalt prinzipiell als Instrument der Durchsetzung eigener Ziel für legitim hält, in den letzten Jahren bemerkenswert in die Höhe geschnellt, umfasst mittlerweile rund ein Drittel dieser Lebenskreise. Dort baut sich eine Aggression auf, die - wie sagt man - der öffentliche Diskurs bislang nicht wahrgenommen hat. Ganz so sediert, wie es derzeit scheint, ist die deutsche Gesellschaft nicht.

Spiegel v. 17. Febr. 2007

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Ungelesener Beitragvon KoratCat » Fr Mär 09, 2007 10:05 am

Forbes meldet, die Reichen sind letztes Jahr wieder reicher geworden. Nix Neues! Zum Spiegel-Artikel http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,470730,00.html

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Ungelesener Beitragvon KoratCat » Mi Apr 18, 2007 10:58 am

Depressiver verhungert in seiner Wohnung

Ein 20 Jahre alter Mann ist in Speyer vor den Augen seiner Mutter verhungert. Der Arbeitslose habe offensichtlich seit Monaten keine ausreichende Nahrung zu sich genommen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Die Polizei hatte den jungen Mann am Sonntagabend tot in seiner Wohnung gefunden. Eine Obduktion des stark abgemagerten 20-Jährigen ergab Herz- und Kreislaufversagen als Todesursache.

Seine 48 Jahre alte Mutter, die mit in der Wohnung lebte, musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Bei ihr wurden ebenfalls Mangelerscheinungen festgestellt. In einer ersten Befragung gab sie an, die beiden hätten nicht genug Geld gehabt, um Lebensmittel zu kaufen.

Depressiv und phlegmatisch

Der Tod des jungen Mannes ist nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler auf eine Mangelversorgung seiner Organe zurückzuführen. Die Mutter habe ihren Sohn als depressiv und phlegmatisch beschrieben. Seit dem vergangenen Jahr habe er mehrmals den Wunsch geäußert, zu sterben. Die 48-Jährige, die ebenfalls ohne Arbeit ist, hat in früheren Jahren Sozialleistungen bezogen, seit einiger Zeit jedoch keinen Antrag mehr gestellt. Ihr Sohn habe nach derzeitigem Stand keine staatliche Unterstützung mehr bekommen, weil er Arbeitsangebote und Untersuchungen ausgeschlagen habe.

Frankfurter Allgemeine 17. April 2007

Sicher steckt da mehr dahinter, als man uns wissen laesst. Ob der bedauernswerte junge Mann und seine Mutter etwa Opfer der (Un-)Antastbarkeit der Menschenwuerde durch die Beamten der oeffentlichen Verwaltung geworden sind? Ein Depressiver ist ein Kranker. Sich um Kranke zu kuemmern, ist Aufgabe der oeffentlichen Verwaltung. Aus der Erfahrung ehrenamtlicher Sozialarbeit ist mir jedoch bekannt, dass viele Anspruchsberechtigte den zweiten Gang zu Arbeitsamt oder Sozialamt scheuen wegen der "menschenwuerdigen" Behandlung. :cry: Hauptsache der Amtsleiter kriegt 'ne Befoerderung, weil er die "Ausgaben" (Leistungen!!!) senken konnte: dafuer kriegt er mehr Gehalt!!! :roll:


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